Wilhelm II.

 

Christopher Clark - Wilhelm II.

 

Clark hat ja schon in "Die Schlafwandler" bewiesen, dass er die populären Thesen von Fritz Fischer nicht zwingend teilt und deutlich gnädiger mit der deutschen Führung umgeht als manch anderer Historiker. Das findet hier seine Fortsetzung.

Es wird in seinem neuen Buch deutlich, dass und wie Wilhelm ein Getriebener der Umstände war, was sich zwanglos auf seinen Charakter als selbstunsicherer konfliktscheuer Zauderer mit limitierten Geistesgaben zurückführen lässt. Das ist eine Binse, aber selten habe ich das so anschaulich erzählt bekommen wie in Clarks Buch. Er setzt zumal die martialischen Äußerungen wie die berüchtigte Hunnenrede anlässlich der Verabschiedung des deutschen Expeditionskorps zur Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China in einen Gesamtkontext, vor allem den historischen Kontext, einfach dadurch, dass er vor allem ausländische Zeitgenossen zu Wort kommen lässt.

Hinter dem großspurig auftretenden Kaiser versteckte sich ein militärischer Dilettant und eher friedfertiger, ängstlicher Charakter, der Bulldoggen wie Hindenburg und Ludendorff nicht gewachsen war. Dies gilt insbesondere für die letzten zwei Kriegsjahre, nachdem von Bethmann Hollweg gerade auf Betreiben dieser beiden Herren zurücktrat.

Das Verhalten der beiden am Ende krachend gescheiterten Strategen, die bereits ihren von Wilhelm protegierten Widersacher von Falkenhayn mit seiner auch von Wilhelm ursprünglich favorisierten, nach dem Kriegseintritt Rumäniens auf Seiten der Entente allerdings gescheiterten Vorstellung eines Hauptangriffs im Westen und Friedensverhandlungen mit Russland, abgesägt hatten, grenzte und überschritt stellenweise die Grenzen zur Nötigung des Kaisers, ein zuvor in der preußischen Militärgeschichte einzigartiges Verhalten. Wilhelm fügte sich auch durch seinen Daueraufenthalt im Hauptquartier in Spa, wo er mehr oder minder nichts zu sagen hatte, in die Erosion seiner eigenen Bedeutung und die seines Amtes, während Hindenburg auch mittels geschickt manipulierter Mobilisierung der Bürger in die Rolle eines "Ersatzkaisers" aufstieg und damit das Denkmal schuf, auf dem Hitler später ins Amt kletterte.   

Wilhelm suchte auch bis Juli 1914 keineswegs den Krieg, konnte seine eher defensive Haltung aber nach der Generalmobilmachung durch Russland nicht mehr aufrechterhalten, zumal er Hardlinern wie Tirpitz und Moltke hatte Paroli bieten müssen, die den Krieg auf Biegen und Brechen wollten und auch der Idee eines Präventivkrieges anhingen.

Selbst den bereits 2016 propagierten uneingeschränkten U-Bootkrieg wollte er anfangs nicht, nahm ihn dann aber 2018 in der beschriebenen Phase zunehmenden eigenen Bedeutungsverlustes hin, obwohl - was damals eigentlich schon hätte erkannt werden müssen - der Kriegseintritt der USA mit den dort vorhandenen Ressourcen die Rettung für die demoralisierten und ausgebluteten Franzosen, die zusammenbrechende italienische Front und die bankrotten Engländer sein würde. Die U-Boote wurden mit zunehmend höherer Frequenz zerstört und hätten auch bei höheren Tonnagezahlen niemals die Zahl der zeitgleich in den USA produzierten Frachtkapazitäten erreichen oder gar übertreffen können.

Die Fehleinschätzung der deutschen Militärspitze, der sich Wilhelm beugte, war atemberaubend und Clark geht davon aus, dass die Entente ohne den Kriegseintritt der USA innerhalb von wenigen Monaten zusammengebrochen wäre, hätten die Deutschen den Druck aufrechterhalten.            

Es wird nicht jedem so gehen, aber ich hatte anfangs ein Gefühl der Tragik beim Hören dieses von Frank Arnold exzellent gelesenen Werks. Das Schicksal hatte Wilhelm zur falschen Zeit Kaiser werden lassen. Hinzu kam auch die letztlich nicht hinreichend definierte Rolle, die er und sein Amt im staatsrechtlichen Gefüge eigentlich darstellte.

Folgt man Clark, war Wilhelm nicht der kalte Preuße, das kindermeuchelnde Ungeheuer, das manchmal aus ihm gemacht wurde, er war andererseits aber insgesamt auch nicht gut genug, um der Geschichte eine andere Richtung zu geben, was zweifellos möglich gewesen wäre.

Ich erwähne im Zusammenhang mit der empfundenen Tragik den Begriff "anfangs", denn die monströs antisemitischen und teils mörderischen Äußerungen Wilhelms nach dem Krieg sind ebenso monströs abstoßend, auch wenn er während seiner Regentschaft den Kontakt etwa zu Rathenau, Ballin und Warburg suchte. Wäre er nicht so gewesen wie er war, hätte er von Doorn aus zumindest als moralische Instanz gegen den mörderischen Nationalsozialismus wirken können. Da er aber auch hier nichts durchschaute bzw. hinnahm oder sogar begrüßte, blieb er auch insoweit dann doch eine Randfigur.  

Man muss sich hineinfinden, dann ist das Buch aber ein echter Schmöker. Für mich eine klare Empfehlung.  

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