Wie soll ich leben?

 

Sarah Bakewell - Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und 20 Antworten

Ich erinnere mich, dass ich mich im Studium an Werken verschiedener Autoren wie de Quincey, den Herren Zweig, Flaubert, Rabelais, vor allem Thackeray und Fielding, aber eben auch Michel de Montaigne versuchte, um dann weit überwiegend zu scheitern. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben dachte ich neulich und nun lasse ich mir das Leben des Schöpfers der Essais erzählen, mit denen Montaigne eine eigene Literaturgattung aus der Taufe hob. Montaigne war, das wird deutlich, nicht nur ein scharfsichtiger Literat, sondern auch ein flamboyanter Charakter eine Kombination, die mich seit jeher fasziniert hat, und einer der ersten modernen Menschen.

Das 16. Jahrhundert war speziell in Frankreich wegen der immer wieder ins Mörderische ausartenden Religionskonflikte auch für einen finanziell unabhängigen Adligen aus dem Perigord gelegentlich schwierig. Dies nicht zuletzt, weil Montaigne in Bordeaux als Jurist wie sein Vater in der öffentlichen Verwaltung und als Bürgermeister wirkte, eher er beschloss, es gut sein zu lassen und sich ins Private zurückzog, um zu schreiben und Wein anzubauen.

Die Essais stehen in der Tradition der Werke der antiken Griechen, auf die sich Montaigne immer wieder bezog, schufen aber eine für die damalige Zeit einmalige Perspektive zur Erklärung der Innen- und Außenwelt im Wege der abstrahierenden Betrachtung. Bakewell geht dabei einen ungewöhnlichen Weg, indem sie die Montaigne zentral beherrschende Frage, was ein gutes Leben wohlgemerkt nur für ihn (und nicht als Handlungsanweisung für andere) ausmacht, in 20 Antworten unterteilt und in diesen Antworten auch die Entwicklung zum Literaten, die Einflüsse, die Montaignes Vater und beispielsweise sein enger Freund und Inspiration Étienne de La Boétie auf ihn ausübten, darlegt.

Die Struktur des Buches ist für eine Biografie mehr als ungewöhnlich, es wird nicht chronologisch erzählt, je nach Antwort auf die zentrale Frage springt das Buch zwischen den Abschnitten in Montaignes Leben hin und her, aber das macht auch seinen Reiz aus, zumal man auch sehr viel über die geschichtlichen Abläufe in jener Zeit erfährt.

Unbekannt war mir das Faible, das gerade die Britten für Montaigne entwickelten, obwohl es letztlich passt. Witzig sind die Zitate aus Werken Shakespeares, die die Vermutung auslösen, der Titan aus Stratford habe bei Montaigne abgekupfert.

Das Buch ist wie ein bequemes Floß auf einem breiten, trägen Fluss, man sitzt, genießt und lässt sich mit seiner Strömung treiben, für mich ein ungewöhnliches Hörerlebnis, aber sehr angenehm.       

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