Über Menschen

 

Julie Zeh - Über Menschen

Erstaunlich! Zeitgenössische deutsche Prosa im Allgemeinen und Julie Zeh im besonderen, beides war bisher eher nicht so, da machte ich einen großen Bogen, dumm ich weiß, ich bin aber machtlos gegen meine Vorurteile. Zeh, von der ich noch nie etwas gelesen habe, deuchte mir als eine der Schreiberinnen für eine Avantgarde, die ich aus hier nicht interessierenden Gründen ablehne.

Ich muss mich getäuscht haben, denn "Unter Menschen" ist ein unterhaltsames, stellenweise amüsantes Werk mit vielen klugen Gedanken, auch wenn die Zehs dieser Republik gelegentlich einfach nicht aus ihrer Haut und ihrer monokausalen Perspektive können, Stichworte Trump, BLM und George Floyd. Unverwechselbar deutsch im Stil, völlig klar, wie auch "Skylla" von Peter Schneider, das mir auch gut gefallen hat und trotz italienischem Background sein kulturelles Erbe nicht verbergen kann oder will. 

Der Plot ist kurz dargestellt - Berliner Linksliberale, macht was mit Medien, typisch grüne Brunello-Boheme und juste milieu, überwirft sich mit ihrem neurotischen Zwangscharakterfreund, haut ab in die Provinz, kauft altes Haus und prallt mit voller Kraft auf alles, was nach allgemeiner Meinung Provinz ausmacht, im Guten wie im Schlechten, Neonazis inklusive. 

Ich fand es  wirklich gut und unterhaltsam, Zeh bemüht sich um eine differenzierte Perspektive und das macht die Sache glaubwürdig. Es wäre leicht gewesen, Schablonen und Schubladen zu zimmern und damit Erfolg zu haben im Milieu. Das will Zeh erkennbar nicht und darin liegt der Wert. Ganz gelingt es nicht, Stereotypen hinter sich zu lassen und da gehe ich bei einigen Punkten nicht mehr mit, das macht aber nichts, das ist Zehs gutes Recht und schmälert keinesfalls den Wert des Buchs. Well done!

Ich meine -> Empfehlung und vielleicht kaufe ich mir noch einen Zeh-Schmöker.  

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