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Das Bild hier habe ich selbst geschossen, nachdem ca. 300 m über den bajuwarischen Matten die Hände nicht mehr zitterten.

Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 1982 und wurde geknipst anlässlich meines Sprungdienstes nach der Ausbildung auf dem Ausbildungsstützpunkt Luftlande-/Lufttransport im oberbayerischen Altenstadt.

 

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Zu sehen sind auf diesem Bild Kollegen, die mit mir aus der ...

 

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Transall C-160 gesprungen sind, wie ich ausgerüstet mit dem US-Fallschirm T 10.

Der T 10 stammt wie man hier lesen kann aus den 50ern des 20. Jahrhunderts, 1976 wurde das B-Modell eingeführt, 1986 folgte das C-Modell, was bedeutet, dass ich mit Version B heruntergesegelt bin.

 

Mittlerweile gibt es offensichtlich ein Nachfolgemodell, den viereckigen T 11, weil man in den 80ern erkannte, dass das Gewicht der Springer mit ihrem gesamten Geraffel je nach Einsatzanforderung die Lastentragefähigkeit des T 10 mit 136 kg bei weitem überschreiten würde und es bereits zu  vielen Unfällen gekommen war.

Das ist für meine Seite nicht von primärem Interesse, weil ich viel zu alt für den T 11 gewesen wäre, im Übrigen reden wir hier über den altgedienten T 10, aber der Wikipedia-Beitrag zum T 11 erwähnt wiederum den Dreikappenschirm T 3 F, den die US-Boys gemeinsam mit der Bundeswehr in den 80ern testeten, der aber nie in den Masseneinsatz kam, weil er viel zu unfallträchtig war.

 

Ich kann sagen, ich war dabei. Ich bin zwar nicht selbst an diesem Ding gehangen, Gott sei Dank, beim Turmdienst in Altenstadt sah man aber mehr als einmal eine Transall in etwa 80 - 100m angeflogen kommen und die Suicide-Jockeys an ihren T 3F quollen aus den Seitentüren.

Ich erinnere mich, dass einer von ihnen bei einem dieser Anflüge mit einem Bein in die Leinen geriet und kopfüber zu Boden segelte. NIEMAND hatte damals Bock, das auszuprobieren und ich kann in der Rückschau verstehen, dass man das wieder aufgegeben hat.  

 

Wer es noch nie ausprobiert hat, dem kann ich es auch nicht erklären.

Fallschirmspringen ist in etwa so, als würde man auf der Autobahn bei Tempo 200 den Rückwärtsgang seines Autos einlegen.

Das ganze System ist auf diesen Vorgang nicht eingestellt und reagiert erst einmal mit purer Verweigerung und Schock.

 

Die Transall, die meines Wissens die alte "Nora" Noratlas ersetzte, beherbergt vier Reihen Springer. Erst shuffeln die äußeren beiden Reihen nach und nach zur Tür und hopsen von dort hinaus in den reißenden Luftstrom, dann wechseln die inneren beiden Reihen an die un verwaiste Bordwand, das brave Mädchen fliegt einen Bogen und man ist selber dran.

Ich gehörte zu einer der inneren Reihen, war aber der zweite Springer (der zweite vorne links).

 

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Das bedeutet, dass ich den gesamten in abgekipptem Zustand geflogenen Bogen durch die geöffnete Tür fasziniert mitbekam und reichlich Zeit hatte mir Gedanken darüber zu machen, was alles schief gehen kann.  

Einer meiner damaligen Buddys stand auf der gegenüberliegenden Seite und wartete wie ich auf das grüne Licht. Ich erinnere mich, wie er mit offenem Mund dastand und ins Leere glotzte. So wie er aussah ging es mir beim ersten Sprung inwendig, ich glaube, meine Knie zitterten.

 

Dann grünes Licht, der Absetzer brüllte los, los und griff in die gelb-orange-farbenen Bänder, die den Springer über einen Karabinerhaken am äußeren Ende mit dem im Flieger entlang der Decke angebrachten Stahlseil verbinden und dazu da ist, die Kappe vom Sprungsack auf dem Rücken zu reißen, damit sich der Schirm entfalten kann.

Ich vermute, dass ich beim Ausstieg in 400 m Höhe die Augen zu hatte, gleichwohl aber einigermaßen hinreichend in dieser leicht abgeknickten Haltung mit nach vorne durchgedrückten Beinen und über dem Reserveschirm verschränkten Armen aus der Transall hopste, denn ich glitt ohne große  Purzelbäume in den tosenden Windstrom und sah dann aber über mir das Leitwerk der C 160 vorbeiziehen. Nach einigen Sekunden ruckte es und ich schwebte in der Stille. 

 

In diesem Augenblick schaltete mein Hirn im übertragenen Sinn bei Tempo 200 in den Rückwärtsgang.

Man muss sich das vorstellen. Seit es Menschen gibt, bedeutet freier Fall, also alles ohne Grund unter den Füßen bei Höhen über 20 m den sicheren Tod. Das weiß das Gehirn seit Jahrtausenden, das ist in den archaischen Strukturen hinterlegt.

Und genau dieses Szenario bietet sich dem Gehirn zumindest beim ersten Sprung dar, weil es noch keine einschlägige Erfahrung gibt.

Es dauert eine Weile, deren Länge ich nicht abschätzen kann, ehe das Gehirn begreift, du stürzt nicht in den Tod, du hängst am Schirm und gleitest mit nicht unbeträchtlicher, aber keinesfalls lebensgefährlicher Geschwindigkeit dem Erdboden entgegen.

In diesem Augenblick badet man in Hormonen und dass es anderen auch so ging konnte ich den quiekenden Rufen entnehmen.  

 

Jetzt hat man Zeit, einen Rundblick zu wagen und die ersten Vorbereitungen zur Landung zu treffen, also zu schauen, ob mit der Kappe alles ok ist, wohin man treibt und wo man voraussichtlich runterkommt, denn das ganze Vergnügen dauert nur knapp eine Minute.

Das Absprunggebiet in Altenstadt besteht praktisch durchgängig aus Wiesen mit nur leichten Erhebungen, kein Problem. 

Lenken ist mit dem T 10 bis zu einem gewissen Grad möglich gewesen, indem man die Kappe in der Richtung, in die man sich bewegen will mittels der Leinen herunterzieht, um auf der gegenüberliegenden Seite eine Art Jet-Effekt auszulösen.

Ähnliches gilt fürs Eindrehen mit den rechts und links zur Kappe führenden Gurten und das Eindrehen ist extrem wichtig, weil man beigebracht bekommen hat, dass man auf der Seite landen muss und nicht auf dem Bauch oder gar dem Rücken. 

Die letzten 10 - 20 m sind dann noch mal stressig, weil man gewahr wird, dass das Tempo doch nicht so ohne ist, ich schätze mal wie ein Sprung aus 2, 5 - 3m auf eine Wiese. Eindrehen und warten, dann krachend aufkommen und abrollen, auf die Beine und Schirm heranziehen, damit er sich erst gar nicht aufbläht und einen wegzieht, alles schon vorgekommen, davon berichte ich noch. 

 

Aber es dauert, bis man in diesen Genuss kommt und oh ja, es ist der reine Genuss. Einer der Offiziere dort beschrieb das mit dem Feingefühl, das dieser Berufsgruppe eigen ist so, dass man da "die Alte" - gemeint sind eheliche Pflichten -  zuhause vergessen könne.  Nun kannte ich seine Ehefrau nicht, aber speziell dieser erste Absprung und eigentlich auch alle folgenden zeigten mir, was er meinte.

 

Der Kurs dauerte meiner Erinnerung nach - und ich schreibe das hier mit einem zeitlichen Abstand von über 35 Jahren - etwa drei Wochen. Es wurde alles im Laufschritt erledigt. Zum Essenfassen, zum Training, alles, es bleiben aber auch Pausenzeiten (unschwer zu erkennen, der Protagonist lümmelt rechts).

 

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Man übt immer wieder an verschiedenen Geräten die richtige Landung, indem lokale Hauptgefreite und Unteroffiziere einen im Gurtzeug hochziehen, hin und her schaukeln und dann fallen lassen. Nicht schlimm.

 

Und dann kommt DER TURM.

 

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Der Turm ist ein ca. 15 m hohes geschlossenes Holzgerüst mit einer Ausstiegstür in 12 m Höhe. Ich meine, immer vier Mann müssen sich mit den Rufen "Vier Mann rechte Tür" (oder "linke Tür") dort einfinden und jeder wird der Reihe nach in Gurtzeug gewurstet, an dem er dann beim Ausstieg etwa acht Meter durchfällt, ehe er aufgefangen wird und an einem Stahlseil hinüber zu einem etwa 30 - 40 entfernt gelegenen Wall gleitet, wo er von den Wallmännern aufgefangen und gestoppt wird.

 

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Der Turm ist echt puh und zwar so, dass gleichzeitig anwesende Piloten der Luftwaffe, die seinerzeit Starfighter flogen, den Turmdienst verweigerten.

Zum einen braucht es nämlich ganz generell etwas Eier, in 12 m Höhe aus einem Gebäude zu springen, wenn man unten jeden Kieselstein erkennen kann.

Das eigentliche Problem ist aber das Gurtzeug. Wer die Aktivitäten an einem solchen Turm betrachtet wird feststellen, dass die vier Männer oben an der Ausstiegstür permanent am Gurtzeug herumpopeln und zwar im Bereich der Leiste. Hintergrund ist, dass das Gurtzeug unbedingt rechts und links der Testikel, vulgo der Eier verlaufen muss, denn die Folge eines Sturzes aus acht Metern, der durch Gurtzeug aufgefangen wird, das quer über die Klöten verläuft, kann sich zumindest jeder Mann lebhaft vorstellen. Also popeln, popeln bis es heißt raus. In dieser Phase gibt es kaum etwas Schöneres als die Erkenntnis nach dem Sturz, dass das Gurtzeug richtig sitzt.

 

Der Sprung aus dieser Tür wird so lange wiederholt, bis der Beobachtungszerberus unten, in unserem Fall ein melancholisch wirkender Hauptfeldwebel, mit der Haltung zufrieden ist. Überhaupt wird wirklich alles immer und immer wieder trainiert bis es sitzt. Gleiches gilt dann für das Anlegen der beiden Schirme, des Hauptschirmes hinten, und des Reserveschirms vorne.

Dieser Reserveschirm ist mit einem ovalen Silbergriff versehen gewesen und es galt als Königsdisziplin, ihn am Boden noch in der Hand zu haben, wenn man gezwungen war, den Reserveschirm zu ziehen. 

Das wird erforderlich, wenn man ein sog. "Brötchen" produziert hat. Ein Brötchen entsteht, wenn mindestens eine der Leinen über dem Hauptschirm zu liegen kommt und durch die Kappe drückt, wodurch die optisch an ein Brötchen erinnert. Das verkleinert die Fläche, die zum Bremsen des Sturzes erforderlich ist und je nach Brötchen bekommt man dann einen mächtigen Zacken nach unten drauf.

 

In diesem Fall ist der Reserveschirm zu aktivieren, aber dazu benötigt man gute Nerven. Man zieht nicht einfach den Schirm, man öffnet die Verpackung, nimmt den Schirm heraus und wirft ihn in Windrichtung, was bedeutet, dass man wissen muss, woher der Wind weht. Nicht ganz einfach, wenn man dauernd daran denken muss, dass man gerade wie ein Meteor zu Boden stürzt.

Macht man das falsch, wirft man also gegen den Wind, kann es sein, dass der Reserveschirm am Hauptschirm hochklettert und sich in den Leinen verfängt, was dazu führen kann, dass er seine Bremswirkung nicht entfaltet. Und bei diesem Chaos soll man dann noch daran denken, den Griff nicht wegzuschmeißen. Königsdisziplin wie ich bereits sagte.

 

Aber zurück zur Ausbildung. Man darf bei dem Ganzen nicht den Gedanken zu sehr verinnerlichen, dass die Schirme von einem Unbekannten gepackt wurden, von dem man nicht weiß, ob er sich am Abend zuvor nicht vielleicht in der Kantine sinnlos volllaufen ließ. Da man aber an so viele andere Dinge denken muss, verflüchtigt sich der Gedanke recht rasch.

 

Dann kommt der große Tag. Wir wurden per Bus zum Flugplatz gebracht, ich meine, es sei Penzing gewesen, lese aber im Internet, dass Altenstadt über einen eigenen verfügte. ich kann es echt nicht mehr sagen.

Der Hauptschirm wird vorne auf der Brust mit einem runden Verriegelungsmechanismus an den Körper gepresst, darauf kommt der Reserveschirm, so ist meine Erinnerung.  

 

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Dann geht es zum Vogel, dessen Heckklappe sperrangelweit offen steht. Alle werden rein beordert und dann startet die Mutter. Man sieht nichts, ich sah jedenfalls nichts, weil ich wie erwähnt innen saß und der Flieger Bullaugen statt Fenster hatte. Einen kurzen Schreck gab es, als nach meinem Eindruck beim Steigflug der Motor zu ersterben schien, der Pilot aber wohl nur die Trimmung der Propellerblätter verändert hatte. Ja, und dann war es irgendwann soweit, siehe oben.

 

Man machte in Altenstadt fünf Sprünge, dann bekam man das begehrte Abzeichen.

Ich habe zwei bis drei Tage der drei Wochen im Lazarett verbracht, weil mich bei einer der Sprünge eine heimtückische Bö unmittelbar vor der Landung drehte und ich auf den Schädel krachte und zwar so, dass ich Sternchen sah und erst wieder klar war, als mich der Schirm über die Wiese zog und ich einen Kameraden heran sprinten sah, der in die Kappe griff, um sie auf den Boden zu drücken, und den Unimog der Sanis bemerkte, der über die Wiese herangerumpelt kam. Schädelprellung war die Diagnose, ab ins Lazarett, ob was zurückgeblieben ist möge man andere fragen.

 

Meinen Spaß hat das aber nicht beeinträchtigt, ich bin dann auch noch nach Rückkehr in die Stammeinheit zum Sprungdienst, der u.a. durchgeführt wurde mit der Bell UH 1D, dem Tausendsassa der Bundeswehr, meinem dicken Mädchen.

 

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Ich bedauere sehr, dass es nicht mehr zum Sprung aus der CH 53 gereicht hat, aber es war auch so phänomenal.

Aus der Bell springt man, indem man sich sitzend aus der Tür herausbewegt, einige Sekunden in 400 m Höhe auf der Stahlkante des Helikopters sitzt, einen beklommenen Blick nach unten aus dem in der Luft stehenden Gefährt wirft und sich kräftig abstößt. Dann stürzt man wegen der Rotoren etwa mehrere Dutzend Meter durch, ehe der Schirm zupackt, großartig. 

 

Die Stimmung beim Kurs war durchweg gut, man hat ein gemeinsames Ziel, auf das man hinarbeitet, Zeit für B & B, also Bier und Blödsinn bleibt auch, wo gelegentlich der Protagonist das bekannt große Wort führte ...

 

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Ganz zum Schluss gibt´s dann noch ein Bild vom Lehrgang vor Transall und allen Überschriften.

 

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Dem aufmerksamen Betrachter wird nicht entgehen, dass links unterhalb des Bildes ein Vaterlandsdiener namens Herb unterzeichnet hat, der den kuriosen Vornamen Anal trägt. Herb ist der junge Mann, den ich (mit Fluppe) im Bild oberhalb zu würgen beginne und der Bild weiter oberhalb aus der Ecke pliert, während ich gestikulierend die Welt neu ordne. Herb war ein extrem netter Kerl, der aber offenkundig unter bis dato unbehandeltem Meteorismus litt, was mehrfach täglich zur nicht befohlenen Deckungsuche nötigte. Unglaublich der Kerl, aber mit der nötigen Sensibilität ausgestattet, um sich mit seinen im wahrsten Sinne des Wortes hervorstechendsten Eigenschaften auf dem Bild zu verewigen.    

 

Und weil bewegte Bilder doch noch einen besseren Eindruck vermitteln gibt´s hier einen YouTube-Link, der zwar nicht mich zeigt, weil es 82 noch keine GoPros gab, aber zumindest einen Eindruck vermittelt.

 

 

 

 

to be continued ...

 

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