Die Lust ist zäher als das Gewissen. Wenn das Schiff sinkt, fällt der Katechismus ins Wasser. Polarforscher, heißt es, seien notfalls imstande, wissenschaftliche Mitarbeiter zu verzehren. Schlechte Zeiten, schlechte Manieren. 

Erich Kästner, Notabene 45

 

Hrand Oskanian war nur ein schwacher Mann. In einem abendländischen Gemeinwesen hätte man ihn als ausgesprochenen "Intellektuellen" bezeichnen müssen, das heißt als einen durchschnittlich geschulten Menschen, der sich nicht durch Handarbeit ernährt und eine schwankende Seele besitzt, die ihren Platz im Kampf der rohen Gewalten nicht finden kann und, überall zurückgestoßen, sich hungrig nach Macht und Geltung verzehrt.

Franz Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh

 

Die stockdürren Arme der Weiber, aus zerrissenen Ärmeln stechend, hielten ihm die kleinen Kinder bettelhaft vors Gesicht. Fast alle diese Kinder trugen schwankende Wasserköpfe an dünnen Hälschen und in ihren staunenden Riesenaugen lag ein Wissen, das Menschenkindern verboten ist. Der Agha erkannte, dass auch der grausamste Deportationsmarsch nicht entmenschender wirkte als dieses Abgeschieden- und Ausgespiensein. Er glaubte zu verstehen, wie sehr das Zerstörungswerk an den Seelenkräften das Mordwerk an den Leibern übertrifft. Nicht die Ausrottung eines ganzen Volkes war der Greuel schlimmster, sondern die Ausrottung der Gotteskindschaft in einem ganze Volk. Das Schwert Envers hatte, als es die Armenier traf, Allah selbst getroffen. Denn in ihnen wie in allen Menschen wohnte Allah, wenn sie auch Ungläubige waren. Wer aber in einem Geschöpf die Würde vernichtet, der vernichtet den Schöpfer in ihm. Dies ist der Gottes-Mord, die Sünde, die bis ans Ende der Zeit nicht vergeben wird.  

Dito

 

Der Grund, aus dem ich zur Selbsthilfegruppe ging, war derselbe, aus dem ich Krankenschwestern mit einer gerade mal achtzehn Monate  langen Ausbildung erlaubte, mich mit Medikamenten zu vergiften: Ich wollte meine Eltern glücklich machen. Denn es gibt nur eins auf der Welt, das ätzender ist, als mit sechzehn an Krebs zu sterben, und das ist, ein Kind zu haben, das an Krebs stirbt.

John Green, Das Schicksal ist ein mieser Verräter

 

 

Nimm mich in deine Arme, ewige Nacht,
ich bin ein König, nenn mich deinen Sohn,
freiwillig dankt’ ich ab von meinem Thron,
der Träume nur und Müdigkeit gebracht.

Mein Schwert, das meinen matten Armen schon
zu schwer ward, hab’ ich stärk’rer Hand vermacht.
Zerbrochen ließ ich in dem Vorsaal Kron’
und Zepter liegen, Zeichen meiner Macht.

Ich hinterließ im kalten Treppenhaus
die Sporen, deren Klirren mich betrog,
mein Panzerhemd, das ohne Wert.

Ich zog mein Königtum, den Leib, die Seele, aus
und kehrte heim zur alten, stillen Nacht
wie eine Landschaft, wenn der Tag vollbracht.

Fernando Pessoa, Abdankung

 

 

 

 

Und ein gutes Jahr später kam der Krieg doch zu uns. Eines Nachts hörten wir es wiehern und dann lachte es draußen mit vielen Stimmen und schon hörten wir das Krachen der eingeschlagenen Türen. Und bevor wir noch auf der Straße waren, mit nutzlosen Heugabeln und Messern bewaffnet, züngelten die Flammen. Die Söldner waren hungriger als üblich und sie hatten noch mehr getrunken. Lange schon hatten sie keine Stadt betreten, die ihnen so viel bot. Die alte Luise, die tief geschlafen und diesmal keine Vorahnungen gehabt hatte, starb in ihrem Bett. Der Pfarrer starb als er sich schützend vors Kirchenportal stellte. Lise Schoch starb als sie versuchte Geldmünzen zu verstecken. Der Bäcker und der Schmied, der alte Lemke und Moritz Blatz und die meisten anderen Männer starben als sie versuchten ihre Frauen zu schützen. Und die Frauen starben wie Frauen eben sterben im Krieg. Martha starb auch. Sie sah noch wie die Zimmerdecke über ihr sich in rote Hitze verwandelte. Sie roch den Qualm, bevor er so fest nach ihr griff, dass sie nichts mehr erkannte, und sie hörte ihre Schwester um Hilfe rufen, während die Zukunft, die sie eben noch gehabt hatte, sich in nichts auflöste. Der Mann, den sie nicht haben und die Kinder, die sie nicht großziehen und die  Enkel, denen sie niemals von einem berühmten Spaßmacher an einem Vormittag im Frühling erzählen würde. Und die Kinder dieser Enkel, all die Menschen, die es nun doch nicht geben sollte. So schnell geht das, dachte sie, als wäre sie hinter ein großes Geheimnis gekommen. Und als sie die Dachbalken splittern hörte, fiel ihr noch ein, dass Tyll Ulenspiegel nun vielleicht der Einzige war, der sich an unsere Gesichter erinnern und wissen würde, dass es uns gegeben hatte. Tatsächlich überlebten nur der lahme Hans Semler, dessen Haus nicht Feuer gefangen hatte und der übersehen worden war, weil er sich nicht bewegen konnte, sowie Elsa Ziegler und Paul Grünanger, die heimlich miteinander im Wald gewesen waren. Als sie im Morgengrauen mit zerzausten Kleider und wirren Haaren zurückkamen und nur Trümmer unter sich kräuselndem Rauch vorfanden, meinten sie für einen Augenblick, Gott der Herr hätte ihnen zur Strafe für ihre Sünden ein Wahngespinst geschickt. Sie zogen miteinander nach Westen und für eine kurze Zeit waren sie glücklich. Uns andere aber hört man dort wo wir einst lebten manchmal in den Bäumen. Man hört uns im Gras und im Grillenzirpen. Man hört uns wenn man den Kopf gegen das Astloch der alten Ulme legt. Und zuweilen kommt es Kindern vor, als könnten sie unsere Gesichter im Wasser des Baches sehen. Unsere Kirche steht nicht mehr, aber die Kiesel, die das Wasser rund und weiß geschliffen hat, sind noch dieselben wie auch die Bäume dieselben sind. Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert, denn wir haben uns noch nicht damit abgefunden nicht zu sein. Der Tod ist immer noch neu für uns und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig, denn es ist alles nicht lange her.

Daniel Kehlmann, Tyll

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