Karl Martell

Liest man etwas über diesen Mann, dann in der Regel im Zusammenhang mit der Schlacht bei Tours und Poitiers, in der er die von der Iberischen Halbinsel vorstoßenden Mauren unter Abd ar-Rahman vernichtend schlug und deren Vormarsch nach Westen endgültig stoppte.

Aktuelle Interpretation dabei ist übrigens, dass es sich mehr oder minder um eine Art belangloses Geplänkel ohne welthistorischen Kontext gehandelt habe, die Zeitgenossen hätten schließlich wenig darüber berichtet, es sei eher ein Plünderungszug nach Tours gewesen, Martell habe nur das Reich arrondieren und sichern wollen, den Mauren sei es in Europa eh zu kalt gewesen.

Das will mir nicht einleuchten. Seit der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts befand sich der Islam im Eroberungsrausch, stieß bei seiner Expansion nach Norden Richtung Europa oder besser "Rum" (= Rom) aber auf Byzanz, das wie ein Bollwerk den Weg versperrte und keine Anzeichen von Erschöpfung erkennen ließ, wie die vergeblichen maurischen Belagerung von 674 – 678 zeigte.

Unter den ersten vier Kalifen Abu Bakr, Omar, Othman und Ali und unter den Omajaden nahm man daher den anderen Weg um das Mittelmeer herum über Ägypten und Nordafrika und setzte dann 711 auf die Iberische Halbinsel über, worauf Tariq Ibn Ziyad den Befehl gab, alle Schiffe zu verbrennen, denn man sei nicht gekommen, um zurückzukehren. Entweder siege man und setze sich fest oder man sterbe. Folgerichtig kam es immer wieder zu Invasionen, etwa der nach Toulouse, die von Eudo von Aquitanien noch abgewehrt werden konnte. Nicht verhindert werden konnte, dass Carcassonne und Nimes eingenommen wurden.

Bei dieser Ausgangssituation und den bekannten Expansionsbestrebungen der Mauren wäre es ein Witz anzunehmen, sie würden nun wohlgemerkt entgegen der eigenen Ankündigung für Jahrzehnte und Jahrhunderte in Südspanien campieren wie Alfonso von Hohenlohe, ohne zu versuchen, auf diesem Weg Europa zu erobern. Dass sie diese Pläne hatten und nie aufgaben, zeigen die Belagerungen Wiens 1529 und 1683.

Bei besagter Schlacht stießen dann auch keine Banden aufeinander, sondern Heere von 15.000 Soldaten auf fränkischer Seite und 20.000 auf maurischer. Mit einem derartigen Heerhaufen will man nicht nur Klöster aufmischen, man erinnere sich, dass es Hannibal mit zwischen 25.000 und 50.000 Fußsoldaten sowie zwischen 9.000 und 12.000 Reitern mit dem gesamten römischen Reich aufgenommen hatte. Die Verluste der Mauren waren gewaltig und nicht umsonst wird eine Teil der Schlacht in der maurischen Geschichtsschreibung als „Abend der Erschütterung“ bezeichnet und der Rückzug erfolgte über den „Weg der Märtyrer“. Abd ar-Rahman fiel in der Schlacht, von der es heißt, dass die Mauren immer und immer wieder angerannt seien, die fränkischen Truppen, verstärkt durch Langobarden, Friesen und Sachsen, seien aber gestanden wie ein „Gletscher“.

Karl Martell, dessen Name von „Marteau“ = Hammer herrührt, war der Großvater Karls des Großen und sogenannter Hausmeier, also nominell kein „echter“ König, sondern eher ein verwaltender Reichsverweser, der faktisch die Macht in Händen hielt, nachdem die eigentlichen merowingischen Herrscher entmachtet waren.  Sein Sohn Pippin der Jüngere war zunächst ebenfalls Hausmeier, wurde dann aber fränkischer König, womit Karl Martell letztlich der Vater des karolingischen Herrscherhauses  war.

Karl Martell wurde um 690 herum geboren und starb 741. Ich bin fest davon überzeugt, dass ohne Karl Martell die Geschichte Europas grundlegend anders verlaufen wäre, womit er einer meiner „Köpfe“ ist.

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