John O´Neill

 

Der 1952 geborene O´Neill war Amerikas Terror-Kassandra. Er arbeitete beim FBI und war als Chef der Abteilung Terrorismusbekämpfung I-49 1995 verantwortlich für die Verhaftung von Ramzi Ahmed Yousef, der den Anschlag auf das World Trade Center 1993 verübte.

O´Neill war der Erste, dem die Gefahr des aufkommenden weltweiten islamistischen Terrors bewußt wurde und der die Gefahr erkannte, die von Osama Bin Ladens al-Qaida ausging.

Es folgten die Anschläge 1998 auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam und 2000 auf die USS Cole im Jemen.

O´Neill war intensiv in die Ermittlungen eingebunden, ihm war aber verboten worden nach Kenia und  Tansania zu reisen. Anfangs war er auch vor Ort im Jemen, auf Grund seiner Schwierigkeiten mit der dortigen US-Botschafterin Bodine musste er aber in die USA zurückkehren, noch während die Ermittlungen vor Ort liefen.

Das lag an O´Neills Charakter, der als überbordend beschrieben werden muss. Privat unterhielt er neben seiner Ehe noch mindestens zwei weitere außereheliche Beziehungen gleichzeitig, er war hoch verschuldet, was an seinem üppigen Lebensstil lag, O´Neill war ein Freund guten Essens, guter Weine, guter kubanischer Zigarren und teurer Maßanzüge. Hinzu kamen Fehler wie der zeitweilige Verlust eines Palms und einer Aktentasche mit Geheimdokumenten. Er wurde dadurch allmählich zur persona non grata, obwohl er zweifellos einer der bissigsten, intelligentesten, fähigsten und einfallsreichsten Terrorermittler des FBI seinerzeit war.

Gehemmt wurden die Ermittlungen auch durch das feindselige Verhältnis zwischen den involvierten Diensten CIA und FBI. Die CIA hatte eine Abteilung genannt Alec Station eingerichtet, deren Leiter Michael Scheuer war. Scheuer und O´Neill hassten sich gegenseitig, insbesondere Scheuer verhinderte, dass dem FBI der USA-Aufenthalt direkt al-Qaida zuzuordnender Terrorverdächtiger mitgeteilt wurde. O´Neill und sein Team vermuteten auf Grund ihrer Ermittlungen auch im Jemen konkret Anschläge in den USA, ihnen fehlten aber elementare Erkenntnisse.  Beide Dienste sprachen von der zwischen ihnen bestehenden "Mauer", über die man bei Bedarf Informationen hinüber warf, sehr aufschlussreich.

Diese mangelnde Zusammenarbeit war dann eine ganz wesentliche Ursache für die Anschläge des 11. September 2001.

Bis zu seiner mehr oder minder zwangsweisen Pensionierung beschwor O´Neill seine Vorgesetzten, die Gefahr eines gewaltigen Anschlages auf amerikanischem Boden ernster zu nehmen. Da sein Verhältnis speziell zu FBI-Direktor Louis Freeh, aber auch zu CIA-Direktor George Tenet mehr als gestört war, drang er nicht durch. Einen Fürsprecher hatte er in Richard Clarke, während der Regierung Clinton für die gesamte Terrorabwehr zuständig. Clarkes Einfluss schwand aber nachdem George W. Bush US-Präsident wurde.

O´Neill schied aus und übernahm im August 2001 auf Bitte des Vorstandes der Kroll Group den Posten des Sicherheitschefs des World Trade Centers. Er trat seine Tätigkeit einen oder zwei Tage vor den Anschlägen an. Nach dem Einschlag des ersten Flugzeuges telefonierte O´Neill noch mit einer seiner beiden Lebensgefährtinnen und teilte ihr mit, er sei im Nordturm und versuche, die Rettungsaktionen zu organisieren und Leute zu evakuieren. Das war das letzte Lebenszeichen. Die Türme stürzten schließlich ein, Tage später fand man O´Neills Leiche.

Ich bin auf diesen außergewöhnlichen Mann, der im Guten wie im Schlechten seine Zeitgenossen überragte, aufmerksam geworden durch Lawrence Wrights außergewöhnliches Werk „Der Tod wird euch finden“, für das er den Pulitzer-Preis erhielt, eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe. O´Neill ist auch der Protagonist der Miniserie „The Looming Tower“, die auf Amazon Prime gezeigt wird, der man ohne Kenntnis des Buches als Nicht-Amerikaner aber kaum folgen kann.

Nachklapp: Wie hasserfüllt die Beziehung zwischen Scheuer und O´Neill war, zeigt der Umstand, dass Scheuer bei einer späteren Befragung sagte, das Beste was Amerika am 11. September 2001 geschehen sei, sei der Umstand, dass O´Neill von den Türmen erschlagen worden sei (https://www.youtube.com/watch?v=M7bVNLL54h0). Das sagt mehr über Scheuer als über O´Neill.

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