Fantomas ist die Seite über meine Zeit bei den Wiesbaden Phantoms Mitte der 80er.

 

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Ich war auf der Suche nach einer fordernden Sportart, hatte Karate ausprobiert und als zu schematisch empfunden, und dachte zunächst an Mainz -> Rhein -> Rudern, stieß dann aber auf einem heute nicht mehr nachzuvollziehenden Weg zu den Phantoms, die sich erst vor kurzer Zeit gegründet hatten und über die Regionalliga in die zweite Bundesliga wollten.

Natürlich hatte ich einiges über American Football gesehen, gehört und gelesen und war der Meinung, ich stelle mich auch ansonsten mit der Pille nicht ungeschickt an, das werden wir schon wuppen.

Weit gefehlt.

Mein erster Kontaktmann war ein Line-Mann namens Sven, eher kleiner, dafür unheimlich schwer. Ich habe auf der Seite der Phantoms gesucht, seinen vollständigen Namen aber nicht gefunden. Er war ebenso wie Manfred Brand die Mutter der Kompanie. Zuerst war - in der kalten Jahreszeit - Hallentraining angesagt und wir reden hier von zwei bis vier Einheiten in der Woche. Ausdauer und Kraft wurden gepusht, 50 Liegestütze und 50 Situps beispielsweise waren Pflicht, was dazu führte, dass ich - obgleich Mittzwanziger - Kreislaufprobleme bekam. Nicht anders das Außentraining mit der Ausrüstung. War man durch, ordnete der Coach zum Abschluss Wind Sprints an, das Feld rauf und runter, Junge schmolzen meine Pfunde. Das Ganze machte aber Spaß und deshalb blieb ich dabei. 

Ein Problem war natürlich die schon erwähnte Ausrüstung, ich war armer Student und brachte meinen Sparkassenbanker in Mainz-Marienborn, der auf den schönen Vornamen Ingo hörte, jedes Mal zum Schwitzen, wenn ich die Filiale betrat, ich glaube ungenehmigte Dispoüberziehung war mein zweiter Vorname.

Manfred half mir wo er konnte, beschaffte einen gebrauchten Helm, den ich heute noch habe, bei dem mittlerweile aber die Halterung von der Gesichtsmaske abgefault ist, er beschaffte gebrauchte Shoulder Pads und vermittelte auch ein gebrauchtes Trainingsshirt, das ich ebenfalls noch habe. Den Rest konnte ich dank Ingos Schweißausbrüchen käuflich erwerben und war damit einsatzbereit, Kickschuhe hatte ich ohnehin.

Das Team bestand aus einem Mix aus Amerikanern, die in der Regel bei der Army in Deutschland dienten, vorwiegend Schwarze, und eben Deutschen sowie den griechischen Brüdern Destanis. Die Deutschen hatten in der Regel vorher schon eine andere Ballsportart, zumeist Fußball, betrieben, die Amerikaner waren mit diesem Sport aufgewachsen. Und darin besteht der Unterschied, wir Deutsche waren Anlernlinge, von denen nur sehr wenige einen instinktiven Zugang zu der Sportart fanden, ich gehörte nicht dazu.

Ich muss mir grundsätzlich mangels überdurchschnittlichen Talents alles erarbeiten und da ist es wie ich feststellte extrem hinderlich, wenn du zum ersten Mal mit Mitte 20 zumal mit einem derart komplexen Sport in Kontakt kommst. Ich stand da natürlich nicht allein, abgesehen von zwei bis drei Cracks wie beispielsweise Stefan "Landi" Landgrebe, der spielte als habe er nie etwas anderes gemacht, mussten sich praktisch alle Deutschen erst einmal die Grundregeln beibiegen.

Das führte dazu, dass Head-Coach Alvin Hayes, wie seine US-Spieler auch ein Schwarzer, die Schlüsselpositionen wie selbstverständlich mit Amerikanern besetzte, genannt seien Valentino Stevens als Linebacker, David Richey und David Harris in der Offense und meiner Erinnerung nach Kenny Weicks als Quarterback. 

Man macht sich keine Vorstellung. Der Quarterback, ob nun der eigene oder der gegnerische, gibt den Spielzug mittels eines verschlüsselten Codes vor. Es folgt eine kurze Phase der Spannung und dann entlädt sich die gesamte Energie zweier Linien testosteron- und adrenalingeladener Spieler binnen weniger Sekunden. Spieler spritzen auseinander, krachen ineinander, der Ball ist irgendwo und vor dem eigenen Auge entfaltet sich eine bizarre Choreografie, die einen anfangs mental schlicht überfordert. 

 

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Man muss als Verteidiger - ich war überwiegend als Defense End eingesetzt - binnen Sekundenbruchteilen erkennen, was der Gegner vorhat und sich darauf einstellen. In der Regel merkst du das, wenn 2-3 Linemen auf dich zukommen und dich daran hindern wollen, auf den außen vorbeistürmenden Half- oder Fullback loszustürmen. Das ist für mich das Hauptproblem gewesen, nicht etwa die Kollisionen, die gelegentlich schmerzen und zu Verletzungen führen können - im Fußball antizipier(t)e ich sehr häufig, was als nächstes passieren wird, weil ich mit dem Sport aufgewachsen bin, im Football konnte ich das nicht und musste es mir mühevoll beibiegen. Typen wie Valentino Stevens schienen den Spielzug schon durchschaut zu haben, noch bevor der Ballempfänger den Ball vom Quarterback erhielt. Es war unglaublich zu sehen, wie er durch die Linie blitzte und die Gegner reihenweise fällte. Man sieht ihn oben mit der Nummer 69.

Jedes Spiel beginnt aber mit dem Kick-Off und da war ich auch regelmäßig eingesetzt. Unser Kicker jagte die Pille in die andere Hälfte, die Leute rechts und links von ihm laufen los. Der Ball wurde vom Gegner gefangen und der versuchte nun, den Ball so weit wie möglich zurück in unsere Hälfte zu tragen, denn wo er gestoppt werden würde, dort hätte er sein First Down, ab dort würde er versuchen können, einen Touchdown oder ein Field Goal zu erzielen.

Der Fänger wird dabei von mehreren Linien eigener Verteidiger geschützt, die die  heranstürmenden Kollegen des Kickers aufzuhalten haben. 

Auf Kickerseite sieht das so aus:

 

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Ich bin der Knabe mittig mit dem dunklen Helm.

Wurde die Gegenseite wie erhofft weit weg von der eigenen Touchdown-Zone gestoppt, hat sie jeweils vier Versuche, jeweils 10 yards Geländegewinn zu machen, um einen erneuten First Down zu bekommen und so weiter, bis sie einen Touchdown erzielt oder von der Defense daran gehindert wird, einen erneuten First Down zu erhalten, weil man auch mit vier Versuchen keine 10 yards Geländegewinn holen konnte. Hat die Defense ihren Job erledigt, geht sie vom Feld wie hier ...

 

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und die Offense übernimmt, um ihrerseits die Voraussetzungen für einen Touchdown und damit Punkte zu schaffen. Ich bin auf dem Bild übrigens neben dem Charger mit der Nummer 54 zu sehen, der der Kamera den Rücken zudreht, zweiter von links ist Valentino Stevens.

Unbestrittener Höhepunkt der Saison 1985 war das Hinspiel gegen die Dieburg Pioneers, ein rüpelhafter, undisziplinierter Haufen von Möchtegernschlägern mit üblem Ruf, die wir 45:12 nach Hause schickten, auch weil sich bei uns niemand provozieren ließ. Ich hatte selbst meinen Anteil am Sieg, als ich beispielsweise beim Kick-Off mindestens zwei, nach meiner Erinnerung aber drei gegnerische Verteidiger ausmanövrierte, auf den Ballträger zustürmte und ihn derart fällte, dass sein Kopf mit einem Scheppern auf den Rasen krachte, dass man mir nachher kichernd davon erzählte. Von diesem Tag erzählt das Bild ganz oben und das hier:

 

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Ich habe es dann aber doch aufgegeben, einfach weil ich merkte, der Zug war für wirklich gute Leistungen einfach abgefahren anders als etwa bei meinem Defense End-Kollegen "Atta" Destanis, ein kräftiger Zorbas-Verschnitt, dem das Talent ebenfalls in die Wiege gelegt worden war.

Missen will ich die Erfahrung aber keinesfalls.

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