Wolfgang Leonhard – Die Revolution entlässt ihre Kinder

DAS Standardwerk über eine Sozialisation im Stalinismus und den Bruch mit dem System und mir bekannt seit ich denke ca. 150 Jahre. Leonhard musste in die Sowjet-Union der frühen Dreißiger emigrieren und erlebte die Stalinzeit, vor allem die Säuberungen von 1936 - 38 hautnah mit. Es folgt die Zeit in Karaganda und Ufa, dann 1944 die Rückkehr nach Moskau, die Einführung in die redaktionelle Arbeit und die Zeit im "Lux". Die Beschreibung dieser Jahre zieht sich etwas, insbesondere wenn Leonhard die andauernde Fort- und Ausbildung der Kader beschreibt. Grandios, weil hochinteressant ist dann wieder die Schilderung der Zeit nach der Rückkehr nach Deutschland mit der Gruppe Ulbricht schon im Mai 1945. Der planmäßige und anfangs demokratisch kaschierte Aufbau politischer Strukturen im Sinne der in der Sowjet-Union ausgebildeten Funktionäre unter dem brutalen und eiskalten Ulbricht, die Unterbindung  jeder innerparteilichen Diskussion um den richtigen Kurs selbst in Fragen der Massenvergewaltigungen, die Gründung der SED 1946 mit teils vernichtenden Wahlergebnissen gerade in Berlin, die geradezu hündische Unterwerfung unter die sowjetischen Besatzer, die beginnenden Zweifel bei Leonhard insbesondere bei und nach einem Besuch im damaligen Jugoslawien und seine Flucht nach Belgrad sind sehr anschaulich und prägnant dargestellt. Der Bruch zwischen Stalin und Tito oder besser das, was man gerade in der DDR daraus gemacht hat, die bedingungslose Unterwerfung unter den Stalinismus und der Verrat am eigenen deutschen Weg zum Sozialismus, mit dem man angetreten war, führte zum Umdenken bei Leonhard und zur Flucht. Ich wurde aber nie den Eindruck los, dass Leonhard doch gedacht hat, ohne den Stalinismus hätte das mit dem eigenen deutschen Sozialismus klappen können, denn mehr als einmal scheint eine Geisteshaltung durch, die eher die falsche Umsetzung denn den Marxismus-Leninismus kritisiert.  

Ich habe immer einen Bogen um das Buch - eine echte Schwarte - gemacht, warum weiß ich eigentlich auch nicht genau. Jetzt, im fortgeschrittenen Herbst meines Lebens wollte ich es wissen und zwar nicht zuletzt deshalb, weil Leonhard selbst liest, was dem Ganzen unheimlich Leben und Authentizität verleiht. Man muss sich auch vergegenwärtigen, dass es sich um einen ungeschminkten Einblick in die innersten Machtzirkel handelte, Leonhard berichtet als hoher Funktionär der neuen DDR-Elite. Ich bereue nun, dass ich so lange gewartet habe, das Buch ist an sich ein Muss als verpflichtende Schullektüre, in etwa wie die Werke Sebastian Haffners zu Hitler und dem Deutschen Reich seit Bismarck.

Wer schwankt -> machen, klare Empfehlung.

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