Die Patin

 

Gertrud Höhler - Die Patin

 

Leicht angejahrte Bücher zu aktuellen Themen sind eigentlich nicht so mein Ding, da die aktuelle Situation eben nicht abgebildet wird. Das Buch wurde aber bei Audible in einer dieser 2-für-1-Aktionen verramscht und schlug ich zu (neben "Der menschliche Makel").

Das - für mich jedenfalls - Attraktive war der zeitliche Bogen seit 2005 und Frau Merkel ist uns ja leider erhalten geblieben, so dass das Buch zwei Funktionen erfüllt. Zum Einen erfährt man bislang Unbekanntes und wieder Vergessenes, insbesondere um die unheilige Koalition aus 2009, darüberhinaus kann man die damaligen Thesen im Buch wegen der fortgesetzten Merkel´schen Herrschaft bis heute auf Plausibilität überprüfen. Haben die Thesen im Buch eine Fortsetzung oder gar Vollendung nach 2012 gefunden?

Und meines Erachtens macht Frau Höhler da zunächst eine ganz hervorragende Figur, obwohl die damalige Kritik so hart mit ihr umgegangen ist wie sie mit Merkel. Die Zeit hat aber erwiesen, dass Frau Höhler richtig lag, anders als ihre Kritiker.

Beschrieben wird im Buch eine Person, vor der man sich fürchten, vor der man Abscheu empfinden muss. Die Sozialisierung in der DDR hatte weitreichendere Konsequenzen für die Perspektive der Kanzlerin als so mancher wahrhaben will, pars pro toto die Rede im Hamburger Überseeclub zu den Gründen des Zusammenbruchs der DDR oder den Möglichkeiten, die Grenze von Ost nach West zu überqueren. Nicht der Freiheitswunsch soll es gewesen sein, der die Leute angetrieben habe, sondern der Übergang von der Industrie- zu einer Wissensgesellschaft, (hier ist ein Link mit der Rede https://www.ueberseeclub.de/resources/Server/pdf-Dateien/2000-2004/vortrag-2001-02-21Dr.%20Angela%20Merkel.pdf), wobei die Rede auch eine weitere Behauptung Höhlers bestätigt, Merkel habe gar keine Standpunkte, alles sei beliebig, Festlegung, ja Loyalitäten und Bindungen sind von Übel, immer frei flottieren und zur Sicherung dieser Nichtposition darf niemand anwesend sein, der Merkel unter Umständen überlegen sein könnte, was unter anderem zum von Merkel verursachten Abschied Friedrich Merz´ führte.

Merkel war schon in der DDR eine, die wie Höhler schreibt, immer beobachtete und schwieg. Als das Regime wankte und dann fiel, engagierte sie sich nicht in der ersten Reihe, auf der Straße oder den Kirchen, sie wartete, beobachtete und schwieg, gemäß ihrem Masterplan, der nur ein einziges Zeil hatte, die Macht. Daher wartete sie auch ab, bis die erste Garde wie de Maizière, Diestel, Eppelmann & Co. verschlissen und verbraucht war und setzte sich dann langsam in Bewegung.

Sie arrangierte über einen Bekannten ein Treffen mit Kohl, der sie dann wie wir wissen als sein Mädchen unter seine Fittiche nahm. Merkel war es dann, die den Vater tötete und sie war laut Höhler die Einzige, die nicht nur die Kälte hatte das zu vollstrecken, sie war auch die Einzige, die - einzige Frau unter männlichen Alphatierchen im Gefolge des schwarzen Riesen - nicht im Geflecht Kohl von Abhängigkeiten und Gefallen zappelte. 

Parteien und Koalitionen sind für sie nur Mittel zum Zweck, was sich auch daran zeigt, dass sie mehrfach deutlich machte, die CDU - vor allem alter Prägung - sei eigentlich gar nicht ihre Partei, aber wohl die einzige, der sie zutraute, sie zur Macht zu tragen und dort zu halten.

Ebenso unverbindlich sieht sie Verträge und Gesetze, erwähnt sei nur das Moratorium der kurz zuvor gesetzlich zementierten Verlängerung von Laufzeiten der AKW. Die Regierung kann nicht die Geltung eines Gesetzes aufschieben, das ist dem Parlament vorbehalten, weshalb in Merkels damaligem Moratorium nicht nur eine Verachtung von gesetzlichen Vorgaben, sondern auch die für die gewählte Volksvertretung zu sehen ist. Aber wie wir wissen, hat die Volksvertretung diese Verachtung ja immer wieder dadurch honoriert, dass man auch die andere Wange hingehalten hat.         

So weit, so gut. Was das Buch letztendlich aber doch nicht zur Empfehlung werden lässt sind zwei Punkte - der nicht zu bändigende und aus jeder Zeile drängende Hass Höhlers auf Merkel und die Erkenntnis, dass sich Höhler schließlich mit ihren Thesen wiederholt. Sie startet furios, um dann sehr stark nachzulassen, das Ganze nimmt irgendwann die Züge einer persönlichen Anklageschrift, der es dann zunehmend an Substanz fehlt.

Mein Bruder hat sich das aktuelle Nachfolgewerk besorgt und war enttäuscht. Offensichtlich hat Höhler nicht zu den Stärken am Anfang "meines" Buchs zurückgefunden.

Letztlich eine vertane Chance.  

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