Oberkirch, im April 2018

I. 

Active Surveillance (AS) ist laut DocCheck „eine Behandlungsstrategie, welche die aktive, engmaschige Beobachtung bzw. Überwachung des Patienten in den Vordergrund stellt. Eine Behandlung findet erst statt, wenn die Erkrankung des Patienten sich verschlechtert oder der Patient einen konkreten Therapiewunsch äußert“.

Das setzt eine bösartige Krebserkrankung voraus wie das Prostatakarzinom, das man auf verschiedenen Wegen angehen kann. Beim Prostatakarzinom, um das es hier gehen soll, sind mehrere Therapieformen gängig, jeweils natürlich abhängig vom Schweregrad der Erkrankung, von der Bösartigkeit der Bestie.

Neben der AS wären zu nennen die sog. fokale Therapie, bei der nicht die gesamte Prostata, sondern nur der Herd selbst behandelt wird, ein relativ sehr neues, das Organ erhaltendes Verfahren also.

Gleiches oder Ähnliches gilt für die Bestrahlung, radikalste Methode ist die operative Entfernung der Prostata, bei der etwa durch die neue daVinci-Robotertechnik erhebliche Fortschritte im Zusammenhang mit den bekannten Folgen eines solchen Eingriffs wie Inkontinenz und Impotenz verzeichnet werden.

 Ich will hier in medizinischer Hinsicht nicht weiter ausholen, wer interessiert oder betroffen ist, wird selbst feststellen, dass sich alle notwendigen Informationen problemlos im Internet beschaffen lassen, einschließlich mehr oder weniger gruseliger Videos auf YouTube.

Mein Thema ist der Weg zum AS und das, was mit ihr verbunden ist, was aus ihr wird. Ein Reisebericht also.

II.

Trotz einer gewissen genetischen Disposition und entsprechender Einschläge in unmittelbarer familiärer Nähe war Krebs immer etwas, das nur andere Leute bekommen. Klar habe auch ich die Fluppe zum Kristallweizen gelegentlich nachdenklich betrachtet und sie insbesondere dann verflucht, wenn mich der zweite Bronchialinfekt hintereinander der Länge nach auf die Matratze schickte. Kennt man den Gegner, dann schickt man – es geht schließlich um nicht wenig – seine Scouts los, um ihn zu identifizieren und – bei Bedarf – zu eliminieren, Krankenversicherung macht´s möglich..

Wohin die Scouts auch schauten, alles in Ordnung, im Westen nichts Neues, die moderne Diagnostik ist in der Lage, auch den tückischsten Gegner aufzuspüren und zwar in der Regel bereits in der Phase, in der er jung an Jahren ist. So habe ich es gehalten und bin gut gefahren.

Wenn meine malträtierte Lunge in der Lage ist, Schwermetallen, Teer und diversen Nervengiften erfolgreich die Stirn zu bieten, dann kann ein Organ, dem ich außer der natürlichen Funktion keine weiteren Aufgaben oder Fährnisse zumutete, ja nicht wirklich aus dem Ruder laufen.

Doch, kann es und dieser Umstand bestätigt mir mehr als alles andere die These, dass es gut und schön ist, Risiken zu vermeiden, diese Risiken angesichts der genetischen Ausstattung aber deutlich weniger Gewicht haben als das manchmal aus welchen Gründen auch immer behauptet wird. 

Aber das nur am Rande.

PSA ist ein Eiweiß, das in der Prostata produziert wird und es ist bekannt, dass Krebszellen mehr Eiweiß produzieren als gesunde, so dass ein gestiegener PSA-Wert auf eine Krebserkrankung, aber auch auf andere, harmlose Abweichungen von der Norm hinweisen kann. Ein echter Marker ist er aber nicht.

Dieser Wert war bei mir innerhalb eines Jahres gestiegen, so dass sich mein äußerst fürsorglicher Hausarzt genötigt sah, mir eine gefährlich klingende Prozedur – die Durchführung einer multiparametrischen MRT-Untersuchung – anzuempfehlen.

Ich vereinbarte also mit der Radiologie des Ortenau Klinikums zu Offenburg einen Termin und wurde vorstellig.

Ein MRT-Gerät ist für mich ein Monster, es thront riesig mitten im Raum und erinnert mich ein wenig und sehr entfernt an eine Serie aus meinen Kindertagen – den Time Tunnel.

Meine bange und auf eine gewisse Klaustrophobie zielende Frage, ob mein Kopf aus dem Rachen des Ungeheuers herausragen würde, solange die Maschine meine südliche Thorax-Hälfte durchleuchtet, vermisst und bewertet, wurde von der freundlichen Helferin bejaht.

Mit dem Panikknopf in der verschwitzten rechten Hand fuhr ich mit der Liege in die runde Öffnung.

Gentlemen, start your engines, dachte ich unwillkürlich als das Getöse losging, abbrach, in unterschiedlicher Intensität wieder einsetzte, abbrach und wieder einsetzte, als überlegte die Maschine, was als nächstes zu tun sei.

Eine halbe Stunde Getöse und willkürlich anmutendes Hin- und Herfahren mit der Liege, dann waren wir durch. Warten.

III.

Ich wurde in das Büro des Chefs gebeten, ein ausgesprochen angenehmer Herr in meinem Alter, der an einem Schreibtisch saß, auf dem nach meiner Erinnerung sogar mehrere Bildschirme den Teil meines Körpers wiederzugeben schienen, über den man nicht so gerne spricht. So meine Vermutung jedenfalls, die er mir bestätigte.

An dieser Stelle muss ich ganz eindeutig bekennen, dass ich ein ums andere Mal fassungslos bin, welche Möglichkeiten der Diagnostik mittlerweile existieren.

Ich habe einige Schwarten zur Medizingeschichte gelesen, Werke von Roy Porter, Siddhartha Mukherjee und natürlich Jürgen Thorwald, die ich grundsätzlich jedem, speziell aber dem wirklich ans Herz legen kann, der mit dem Gedanken spielt, sich in die Hände sog. alternativer oder „natürlicher“ Heilkundler zu begeben.

Speziell die Kirche hat über Jahrhunderte jeden medizinischen Fortschritt behindert oder unterdrückt und dadurch millionenfaches, vermeidbares Leid verursacht.

Als man die Medizin endlich aus ihren Fesseln gelöst hatte, nahm sie eine Entwicklung, die nur den Toren an ihr und den Verdiensten weitsichtiger und mutiger Persönlichkeiten zweifeln lassen können.

Ich sah in gestochen scharfer und dreidimensional darstellbarer Form ein Organ, von dem ich nur wusste, dass es existierte und das aktuell im Verdacht stand, eigene, unerwünschte Wege zu gehen.

Der Profi führte mich mit vorsichtigen Worten und Erläuterungen an Hand dessen, was da auf den Bildschirmen rotierte und pulsierte, zu der Feststellung, dass „da etwas“ sei, das so „da“ nicht sein sollte, von dem man aber nicht abschließend sagen könne was es denn sei, es stehe aber fifty-fifty.

Er hat das natürlich deutlich fürsorglicher und umfassender erläutert, bei mir blieb aber nur hängen, jetzt haben sie dich.

Kurzum, er empfahl mir die Kontaktaufnahme mit der Urologie, da komme jetzt wohl als weiterer Schritt eine Biopsie in Betracht, Fortschritt hin, Fortschritt her, der Maschinenknecht habe zwar gute Arbeit geleistet, ersetze aber nicht die bewährte Handarbeit. Auch das drückte er anders und vor allem deutlich gewählter aus, die Message kam aber an.

Er begleitete mich zum urologischen Sekretariat, nächsten Montag um zehn, ging ja schnell. Ein hinter dem Tresen in Unterlagen vertiefter Arzt blickte kurz auf, meinte "4?", was mein Begleiter knapp bestätigte. Dann durfte ich zurück in die Kanzlei. 

IV.

Was fängt man jetzt mit einer solchen Information an? Brennt die Hütte lichterloh oder glimmt da am Ende nur eine kleine Funzel, die man mit zwei Fingern löscht, wenn man zu Bett geht? 

Mit den Erklärungen des versierten Radiologen im Ohr stürzte ich sofort an den PC und gab - sicher ist sicher - Prostatakarzinom ein, seelenzustandsorientierte Handreichungen für den Google-Algorithmus à la "wie schaut´s dann aus", "wie lang hat man noch?" oder "Grube" sparte ich mir zunächst.

Dabei erfuhr ich unter Anderem, dass dieses "4?" den sog. PI-RADS-Score meint, der von 1 bis 5 reicht und aufsteigend die Wahrscheinlichkeit von Bad News abbildet, wenn die MRT-Untersuchung Auffälligkeiten zu Tage förderte.

4 ist der zweithöchste Wert, eine bösartige Erkrankung sei "wahrscheinlich". Dieser Wert spreizt sich aber wie ich zu meiner Beruhigung erfuhr auf Grund unterschiedlicher Studien in einer Bandbreite zwischen 20 und 70%, wobei ich mich dabei aber frage, wo hört die Wissenschaft auf und fängt die Kaffeesatzleserei an.

Wie auch immer, ich durfte mit allem rechnen und wie oft in solchen Situationen vertritt man öffentlich, man sei sich sicher, alles sei gut, bloß eine kleine Entzündung, innerlich ist man aber vom Gegenteil - nahezu - überzeugt.

Was löst das nun in einem aus? In meinem Fall zweierlei - ich war seltsamerweise in Besitz genommen von einer ganz und gar unangebrachten inneren Heiterkeit und Lockerheit, was gelegentlich in mir den Verdacht einer gewissen manischen Besessenheit auslöste, wobei ich sicher bin, dass wir davon Meilen entfernt waren.

Damit soll nur ausgedrückt werden, dass ich keine Sekunde dazu neigte in Grüblerei zu verfallen, noch mal "Titanic" anzuschauen und dauernd Death Metal zu hören. Auch schienen meine Sinne auf einmal wieder wacher zu sein, ich fühlte mich tatsächlich körperlich und geistig elastischer als lange Zeit zuvor. 

Ich würde keinesfalls behaupten wollen, dass sich Pgysis und Psyche unwillkürlich für irgendetwas rüsteten, ohne dass ich darauf Einfluss genommen hätte oder auch nur hätte nehmen können, aber es war auffällig, dass ich mich straffte.

Zweiter Punkt war ein explodierender Zigarettenkonsum. Ich paffte mit meinem Bruder zuvor unter der Woche gelegentlich ein Rettchen zum Pausenkaffee auf dem Balkon unserer Kanzlei, jetzt aber fraß ich die Sargnägel und wie sich zeigte, änderte sich das auch für die kommende Zeit nicht mehr. 

Auch dem unbegabtesten Hobby-Psychologen ist natürlich klar, dass das ein untrüglicher Indikator für Stress war, es arbeitete für mich unbeeinflussbar in mir, vielleicht war dieser Stress auch der Treibstoff für die bereits erwähnte geistige und körperliche Aktivierung, wer weiß. Ich fühlte mich aber keineswegs übel, sieht man mal davon ab, dass ich öfters meine Gedanken einfangen musste, die sich in völlig sinnlosen Wahrscheinlichkeitsberechnungen zu verlieren schienen.

V.

Dann kam Montag.

Eines vorweg - wenn man sich vom Parkhaus kommend dem Haupteingang des Offenburger Klinikums nähert, wird man vom Komitee der ganz und gar unbeeinflussbaren Raucher empfangen, die in Bademänteln und ausgeleierten Trainingsanzügen gekleidet, teils in Rollstühlen sitzend, überwiegend mit Infusionsständern sowie Beuteln bewaffnet, in denen sich Blut und andere Körpersekrete in allen Farben des Regenbogens sammeln, von der Vergänglichkeit menschlichen Lebens künden und mit knochigen, nikotingelben Fingern zum Eingang zu weisen scheinen mit einem Raunen, man solle eintreten und jede Hoffnung fahren lassen. 

Vielleicht übertreibe ich etwas, aber ich wollte ja mitteilen, was mir so durch den Kopf ging. 

 

 

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