Erdogan Superstar!

Abgesehen davon, dass ich seine Gleichsetzung von Assimilation mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit anlässlich seiner Kölner Rede Anfang 2008 angesichts der innerdeutschen Bemühungen – weit weg von einem irgendwie gearteten Zwang zur Anpassung - als überflüssigen und unverschämten Affront wertete, kauft man sich bei den Herren Erdogan und Gül auch das Diyanet Isleri Baskanligi (kurz: "Diyanet") ein, das Präsidium für Religionsangelegenheiten, das nach dem Militär über den zweitgrößten Etat (zwischen 2005 und 2008 fast verdoppelt) in der Türkei verfügt und 80.000 (fast ausschließlich männliche) Mitarbeiter beschäftigt.

Einer der Ukas´ von dort an die türkischen Frauen ist, sich sittsam zu benehmen, keusch und ehrbar. Untersagt sei, mit einem anderen Mann zu sprechen, schon ein anzügliches Wort, ein begehrlicher Blick sei mit Ehebruch gleichzusetzen.

Geschenkt, könnte man denken, idiotische Anleitungen für den (un)mündigen Bürger haben wir in bundesdeutschen Gesetzesschwarten ja auch zuhauf.
Das Ganze wird aber nachvollziehbarer, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die AKP bereits 2004 versuchte, Ehebruch unter Strafe zu stellen, was jedoch – noch – abgeschmettert wurde.

Nächster Versuch der AKP war dann eine Verfassungsänderung, die Frauen neben Kindern, Alten und Behinderten einen „Sonderstatus als schützenswerte Gruppe“ einräumen sollte, was wiederum die in Art. 10 verankerte Gleichberechtigung der Frau aushebeln würde.

Von dem Versuch, das Kopftuchverbot an Universitäten zumindest zu lockern, mal ganz zu schweigen, wobei man ganz genau wusste, dass eine Aufhebung dieses Verbotes durch den sozialen Druck zwangsläufig zu einer faktischen Kopftuchtragepflicht führen würde

Ich will Herrn Erdogan trotz seiner sinistren Kölner Rede keine finsteren Absichten unterstellen, aber wohin die Reise der Herren Erdogan und Gül geht, ist mir noch nicht ganz klar, wobei ich mehr und mehr eine Tendenz feststellen zu können glaube, das checks-and-balances-System auszuhebeln und via urbaner "Laboratorien" die Gesellschaft zu unterhöhlen .

Die Türken wollen mit gutem Grund in die EU, die m.E. auch eine Wertegemeinschaft ist und dazu passen die oben beschriebenen Initiativen sicher nicht, vom unmöglichen Status christlicher Glaubensgemeinschaften mal ganz abgesehen.

P.S.: Das Diyanet kontrolliert übrigens das "Diyanet Isleri Türk Islam Birgili." Ja und, nie gehört.

Doch - das ist die DITIB, die die Großmoschee in Köln-Ehrenfeld baut und sich dabei maximal in Bezug auf die Zahl der erforderlichen Parkplätze was von den Deutschen sagen läßt. Damit ist auch klar, dass es sich um ein türkisches und nicht um ein islamisches Projekt handelt, geplant, bezahlt  und ideologisch sowie finanziell unterhalten direkt von der türkischen Regierung. Deutlich wird das zweifelsohne auch daran, dass Gläubige - in der bisherigen Ersatzmoschee - wie in jeder anderen Moschee auch gen Mekka beten, in Ehrenfeld aber mit dem Unterschied, dass man in dieser Ecke die türkische Flagge aufgehängt hat, was muslimische Gläubige gleich welcher Herkunft zwingt, die Flagge der Hausherrn "anzubeten". 

Nachtrag 16.12.2010: Im November 2010 wurde Ali Bardakoglu,  Präsident des Diyanet, entlassen. Grund war laut Milliyet seine "liberale Auslegung des Islam". Trotz Aufforderung hatte Bardakoglu der türkischen Regierung eine klare Parteinahme zu Gunsten einer Lockerung des landesweiten Kopftuch-verbots verweigert, weil er der Meinung war, das Tragen des Kopftuchs sei keine islamische Pflicht, sondern eine persönliche Entscheidung der Frau. Ferner hatte Bardakoglu ange- kündigt, christliche Gottesdienste in Tarsus zuzulassen. Too much für die Regierung. Deren Sprecher, ein Staatssekretär namens Faruk Celik, kündigte nach dem Rausschmiss auch gleich "radikale Veränderungen" beim Diyant an.

 

Prahlhans-P.P.S.: Nachdem Alan Posener, Kommentarchef der "Welt" in einem Artikel die Auffassung vertrat, Erdogan habe mit den Aussagen seiner Kölner Rede Recht, konnte ich mir einen Leserbrief nicht verkneifen und es passierte folgendes:

 

17.02.2008:

Sehr geehrter Herr Hartmann,

vielen Dank für Ihre Mail, die sich im ruhigen Ton von manchen anderen Mails in dieser Angelegenheit wohltuend unterscheidet. Ich bin, was Sie nicht überraschen wird, nicht überzeugt. Ich glaube, dass Erdogan eine wichtige Unterscheidung getroffen hat. Er hat gesagt: Ihr könnt stolze Türken bleiben und dennoch gute Deutsche und Europäer werden. Ja, ihr müsst sogar gute Deutsche und Europäer werden. Er hat damit genau das nicht getan, was ihm unterstellt wird, nämlich integrationsunwilligen Türken den Rücken gestärkt. Im Gegenteil. Lesen Sie seine Rede auf
www.welt.de. Ich glaube, Sie werden mir dann, trotz meiner folkloristischen Blauäugigkeit, wenigstens teilweise Recht geben.

Mit freundlichen Grüßen

Alan Posener
Kommentarchef

Welt am Sonntag
10888 Berlin
Telefon +49 30 25917-1774 Fax -71608
Mobil 0171 761 4551

 

Sehr geehrter Herr Posener,

ich war über das Wochenende verreist, umso überraschter (und erfreuter) war ich, als ich Ihre Antwortmail vorfand.
Ich denke mir, dass ihr pointierter Artikel gelegentlich üble Reaktionen ausgelöst hat, das tut mir leid, kam für Sie aber sicher nicht überraschend.
Ich habe den Gesamttext der Rede noch einmal nachgelesen.
Ich kann Ihre Auslegung der Rede sehr gut nachvollziehen, weil sie sich an den Äußerungen orientiert, die Ihre Auffassung tragen.
Leider gehen Sie aber auf den von mir angegriffenen Teil nicht wirklich ein.
Auch nach Ihrer mail verstehe ich immer noch nicht, wie man einerseits Integration predigen und andererseits Assimilation als Ausgeburt der Hölle geißeln kann und das alles in einer Rede, denn das hat Herr Erdogan getan, m.E. ohne jede Frage und diesen Widerspruch klären Sie nicht auf.
Sie stellen aus meiner Sicht (sich) nicht die Frage „Warum in Gottes Namen gießt der türkische Ministerpräsident ausgerechnet in dieser aufgeheizten Atmosphäre Öl ins Feuer?“
Vielleicht sollte man sich auch mit dem Redner befassen, dann wird u.U. auch der erwähnte Widerspruch transparenter.
Diese Rede wurde von einem Mann gehalten, der ungeachtet aller politischen und wirtschaftlichen Fortschritte in der Kurdenfrage selbst einen Assimilierungs-Kurs fährt (wie Ihre Zeitung jüngst berichtete) und auch mit dafür verantwortlich ist, dass das Kopftuchverbot an türkischen Hochschulen fällt (was, wie jeder weiss, ein klassisches Beispiel der normativen Kraft des Faktischen hin zu einem Kopftuchzwang darstellen wird).
Da Herr Erdogan alles andere als ein Idiot ist und weiß, wo er eine Rede hält und wer ihm da (auch) zuhört, hat mich von Anfang an das ungute Gefühl beschlichen, daß ein Plädoyer für mehr Integration das Feigenblatt darstellt, das gute Menschen wie Claudia Roth benötigen, um sich die türkische Sache noch mehr zu eigen zu machen.
Dies zumindest dann, wenn gleichzeitig und aus meiner Sicht völlig zusammenhangslos die Assimilierung in die Nähe solcher Verbrechen wie Völkermord (als Verbrechen gegen die Menschlichkeit) gerückt wird.
Das ist völlig unverständlich, denn sehen Sie derzeit korrektur- oder kommentierbedürftige Strömungen hin zu einer Assimilation innerhalb des türkischen Bevölkerungsanteils, die es aus Sicht eines türkischen Ministerpräsidenten erforderlich machten, lenkend einzugreifen?
Ich sehe sie jedenfalls nicht (ganz im Gegenteil) und aus meiner Sicht kam der Assimilierungsaffront daher aus heiterem Himmel, ganz abgesehen davon, dass ich die Verdammung einer Assimilation wie geschrieben für gänzlich unangebracht und gefährlich halte.
Ich bin daher nach wie vor nicht der Auffassung, dass Sie mit Ihrer Auslegung der Erdogan-Rede Recht haben, den Vorwurf folkloristischer Blauäugigkeit halte ich aber nicht aufrecht:).

Mit freundlichen Grüssen

Markus Hartmann

 

 

13.03.2008:

 

Sehr geehrter Herr Posener,

Sie verzeihen, dass ich mich noch einmal an Sie wende.

Grund sind die erläuternden Äusserungen von Herrn MP Erdogan zu seiner Rede in Köln.
Ich zitiere (WELT von heute):" Unter Assimilation verstehe ich, wenn den Menschen die Möglichkeit vorenthalten wird, ihre eigenen kulturellen Werte und ihre Religion zu leben." Dies habe er mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemeint. "Versucht man aber von der Politik der Integration zu einer Politik der Assimilation überzugehen, und zwar in eine, die mit Zwang verbunden ist, dann geht es uns etwas an."

Klar ist nun, dass Herr Erdogan seine Äußerung so gemeint hat, wie nicht nur ich das vermutet habe. Klar scheint auch zu sein, dass er einen ANLASS für eine solche Äusserung gesehen hat, den ich wiederum (überhaupt) nicht sehe (Frau Böhmer übrigens auch nicht), gerade in Zeiten verbesserter Sprach- und Bildungsangebote an ausländische, speziell türkische Vorschulkinder und Islamkonferenzen.

Folglich lässt sich die Äusserung nur als Affront ansehen, weshalb ich wie bisher nicht der Meinung bin, dass Herr Erdogan Recht hat(te), zumindest solange er einen Zusammenhang zwischen Assimilation und Zwang herstellt und gleichzeitig nahelegt, ein solcher Zusammenhang werde in unserem Land gelebt und praktiziert.

Das MUSSTE noch raus, bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie noch einmal behelligt habe.

Mit freundlichen Grüßen

Markus Hartmann


 

Sehr geehrter Herr Hartmann,

so verschieden wirken Sätze auf verschiedene Menschen. Ich sehe die von Ihnen zitierte Stelle als Beleg für meine Interpretation.

Mit freundlichen Grüßen

Alan Posener
Kommentarchef
Welt am Sonntag
10888 Berlin
Telefon +49 30 25917-1774 Fax -71608
Mobil 0171 761 4551
alan.posener@wams.de

 

Wer hat denn jetzt Recht?

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