Vorhin musste ich unwillkürlich lachen. Im Radio wurde unter Hinweis auf den hoffentlich baldigen Abgang des Cavaliere erklärt, Italien drohe "ein Opfer der Finanzmärkte" zu werden.  Die Diktion ist erstaunlich.

Wenn ich mich mit Schweineblut einreibe und in ein Becken mit Tigerhaien springe, muss ich mich nicht wundern, dass ich gefressen werde.

Opfer!

Italien hat mehr als 2.000.000.000.000,00 Euro Schulden aufgetürmt, mein Gott, und jetzt müssen Experten der EU und des IWF die Bücher filzen, weil man in Berlin, Paris und Brüssel zu recht misstrauisch geworden ist , obwohl Italien bislang noch nicht unter den Rettungsschirm gekrochen ist und damit als Geberland ausfiele, was den deutschen Haftungsanteil auf etwa 40% ansteigen lassen würde.

Opfer!

Es kommt in der öffentlichen Diskussion viel zu kurz, dass wir eine (Staats-)Verschuldungskrise haben und sonst nichts, sieht man mal davon ab, dass auch der Privatsektor unter der Flagge "Was kost´ die Welt" gesegelt ist und sich über beide Ohren verschuldet hat.

Honni soit ....

No wonder wird da kaum drüber geredet, denn dann würde allen klar, dass die Staatsführungen in Zeiten sprudelnder Steuern mitnichten an der Verringerung der Staatsverschuldung gebastelt, sondern Etats aufgebläht und neue "gesellschaftliche Projekte" erfunden haben, die es zu fördern gilt.

Folge ist, dass nun neben der Jonglierei mit Billionen auch Steuersenkungen praktisch ausgeschlossen sind, denn auch insoweit hat die Prasserei in den vergangenen Jahren mit fremdem und hart erarbeitetem Geld jetzt natürlich Folgen.

Mein Bruder hat vorhin nachdenklich gemeint, dass sich kaum jemand wirklich Gedanken über den Spruch macht, wir verzockten das Erbe unserer Kinder und Enkel. Zins und Tilgung steigen ständig, was bedeutet, dass der Staat seine Leistungen irgendwann einschränken muss.

Damit entfällt eine wichtige Befriedungsfunktion, denn Sozialleistungen fließen nun einmal fast ausschließlich an die, die sie auch benötigen. Kann der Staat nicht mehr blechen, weil er Schuldendienst leisten muss, wird das soziale Unruhen auslösen, die Verelendung und Ghettoisierung bis in die Innenstädte samt ihrer Bewohner ist kein düsteres Schreckensbild, sondern begründbare Perspektive.

Folglich wird der Staat an der Einnahmenschraube drehen müssen, was - um beim Drehen zu bleiben - kleineren und mittleren Unternehmen nebst deren Beschäftigten den Saft abdrehen wird.

Die Erosion des Mittelstandes, die bereits heute - zu Unrecht - beschworen wird, folgt dann fast zwangsläufig auf dem Fuße. Aber bis dorthin sind die Euro-Don-Quichottes schon längst alle wohlversorgt in Rente.

9.11.2011

 


Deutschland im Februar 2010. EU-Gipfel.  Wikileaks hat nun die Depeschen des damaligen US-- Botschafters Murphy über die Haltung der deutschen äh Spitzenpolitik und (Finanz)Wirtschaftsspitze veröffentlicht.

Es wäre mit zu vielen Abwärtsrisiken verbunden, bereits jetzt Hilfsaktionen zu starten.  Außerdem würde ein Rettungspaket für die Griechen einen Präzedenzfall für EU-Länder wie Spanien und Portugal schaffen“, so Wolfgang Merz, hochrangiger Beamter des Finanzministeriums nach dem Gipfel.

Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass der IWF um ein Rettungspaket für Griechenland gebeten wird“, so Karlheinz Bischofberger von der Europäischen Zentralbank

Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, soll im Gespräch mit Murphy auf reale Ausstiegsmöglichkeiten Deutschlands aus der Euro-Zone hingewiesen haben und zitierte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus den 90er-Jahren.

Demnach sei ein Ausstieg Deutschlands möglich, „wenn die Währungsunion zu einer Inflationszone“ oder der deutsche Steuerzahler der „de-facto-Retter“ würde. Vorschlag Mayer: Ein „Kapitel 11 für alle Eurozonen-Staaten, das alle in Not geratenen Staaten unter wirtschaftliche Aufsicht stellt, bis deren Haus wieder in Ordnung gebracht ist“. Mayer bedauerte, dass  es keine ernsthafte Diskussion über diesen Vorschlag gebe.

Zusammenfassung der US-Diplomaten:

...Niemand würdigte die Idee, den deutschen Steuerzahlern, die ohnehin schon über das deutsche Rekorddefizit besorgt waren, zu sagen, dass sie die Zeche für das unverantwortliche Verhalten eines anderen Landes zahlen müssen...

...Kanzlerin Merkel ist sichtlich erleichtert, dass sie ihren Bürgern jetzt noch nicht erklären muss, warum die Bundesregierung ihren Schuldenberg erhöhen muss, um die Griechen zu retten...

...Tatsächlich spielen die Bundesregierung, die EZB und private deutsche Ökonomen den Ernst der griechischen Zwangslage und ihre Auswirkung auf die Stabilität des Euros herunter...

Man ist fassungslos, wie man an der Nase herumgeführt wurde, von der offensichtlich fehlenden Fachkompetenz mal ganz zu schweigen, denn - nota bene - bereits im Mai 2010 saß der IWF mit am Tisch.

Mit diesen Fahrensleuten lässt du wirklich kein Riff aus.

Und ich habe keinen Grund, an der Authentizität der Unterlagen zu zweifeln, zumindest solange nicht begründet dementiert wird. Wer Sinn für griechische Tragödien hat, dem kann hier geholfen werden - eine Chronologie des Grauens.

9.11.2011

 


Frank Schirrmacher in der Frankfurter vom 13.11.2011 über das Buch "Debt. The First 5000 Years" von David Graeber:

"... Man lese diese letzten Seiten in Graebers Buch. Sie sind, werden die Ökonomen sagen, die reine Utopie. Die Schöpfung aus dem Nichts. Aber sie tun etwas mit dem Gehirn und dem Bewusstsein: Sie machen klar, dass wir es selber sind, die über unsere Symbole und deren Macht entscheiden.

Alles, so sagt Graeber, wurde in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren in Frage gestellt, angepasst, reformiert, alle Glaubenssätze durchgespielt, ein Markt der Ideen, die am Ende keinem weh taten, außer einer: dass man seine Schulden bezahlen müsse.

Das gilt für den Studenten, der er einmal war, und es gilt für den Hausbesitzer. Und weil es immer gilt und immer galt, darum ist diese Gegenwart so dramatisch: "Jetzt wissen wir, dass dies eine Lüge war. Wie wir jetzt sehen, müssen eben nicht "alle" ihre Schulden bezahlen. Nur einige von uns müssen. Nichts wäre wichtiger, als den Tisch aufzuräumen für jeden, unsere eingeübte Moralität in Frage zu stellen und neu zu beginnen." Man sollte sich nicht damit beruhigen, dass die amerikanischen Verhältnisse anders sind. Das sind sie. Aber längst ist jeder Bundesbürger verschuldet.

Längst hat diese Schuld zu einem autoritären Zuwachs des Staates geführt, der jetzt zunehmend unkontrolliert Opfer verordnen kann und vor allem wird. Noch haben die meisten Deutschen offenbar das Gefühl, dass sie die Schulden abbezahlen können.

Ändert sich das, ändert sich alles.

13.11.2011

 


Man sagt zwar, man solle keiner Statistik trauen, die man nicht selbst gefälscht hat, aber die Schlussfolgerungen von Lisbon Council, einer sogenannten  oder auch "Denkfabrik" (das sind die, die nachher schon alles vorher gewusst und prognostiziert haben wollen) aus Brüssel in der aktuellen Studie "Euro Plus Monitor" lassen einen schon mal ins Grübeln kommen, zumal man nicht zum ersten Mal den Eindruck bekommt, es werde dem Steuerdukatenesel nur die Spitze des Eisberges zugemutet, damit er´s Maul hält.

Frankreichs Zustand sei besorgniserregend, die aktuelle Wettbewerbsfähigkeit nebst finanzpolitischer Nachhaltigkeit führten dazu, dass das Land - noch hinter Spanien und Irland - auf Platz 13 von 17 Ländern des Euro-Währungsraums rangiere.

Bei den wirtschaftspolitischen Fortschritten, also Bewältigung der Schuldenkrise, liege es sogar nur auf Platz 15. Gerate es in den Finanzmarktstrudel, könnten sich die Finanzierungs-kosten stark erhöhen, reines Gift also.

Klassenprimus ist übrigens Estland, gefolgt von Luxemburg und Deutschland.

Anlass für ein weiteres Ergrauen des restlichen Haarkranzes gibt es aber auch hierzulande, denn Frankreich ist als fetter Financier notleidender Euro-Gevattern fest eingeplant.

Der Rollgriff auf Michels letzte Ersparnisse rückt für mich näher.

Und damit der nicht die Peilung verliert, noch eine Bemerkung unseres sogenannten oder auch Außenministers Westerwelle auf dem Parteitag letztes Wochenende: "Wir machen hier Geschichte, kein Klein-Klein."

Warum bekomme ich immer Pickel auf der Seele, wenn die Führung das große Ganze bemüht?

15.11.2011

 

Hier geht´s zur Sitemap.