Dumm und dümmer

Robert Misik , taz 4.4.2014

„Erstens, Sarrazin schafft es, in steter Abfolge neue Bücher zu schreiben, von denen das jeweils aktuellste noch dümmer ist als das vorhergegangene (somit: stetige Zunahme von Dummheit); und zweitens hat ein Einwanderer jetzt so ein Sarrazin-Buch geschrieben, das noch dümmer ist als die echten Sarrazin-Bücher. Die Rede ist vom rechten Hassprediger und Hetzschreiber Akif Pirinçci, der so doof ist, dass es körperlich schmerzt... 

Dass jemand wie dieser Pirinçci überhaupt eine Bühne im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bekommt, ist, weit über den Einzelfall hinausweisend, ein schönes Exempel, wie die Verblödung tatsächlich vor sich geht… 

Ich habe den leisen Verdacht, dass an dieser unschönen Entwicklung das Internet und die mit ihm verbundene Utopie der „Demokratisierung“ der Medien nicht ganz unschuldig sind. Mit dieser Idee ging ja die Vorstellung einher, dass jeder ein „Sender“ sein könne; dass die undemokratischen „Gatekeeper“ in den Mainstreammedien ausgedient hätten – und wie die hohlen Phrasen noch alle lauten. Die Dummheit des uninformierten Gebrabbels rüstet sich sogar mit einem gehörigen Schuss Arroganz gegenüber jenen angeblich vorgestrigen Zeitgenossen, die noch immer glauben, das öffentliche Worterheben solle mit so etwas wie bedächtigem Abwägen, Sammeln und Überprüfen von Informationen sowie anderen altmodischen Verfahren einhergehen.

Aber vielleicht würde uns ein bisschen rigideres Gatekeeping und das Hochhalten von Standards guttun. Womöglich sollte man jene verstaubte Tugend ein bisschen höher halten, die etwa davon ausging, dass man Meinungen schon äußern, aber sie irgendwie begründen können sollte; dass nicht jede Meinung gleich viel wert ist; und sich eine „starke“ Meinung nicht notwendigerweise im Stakkato der Injurien erweist.“

 

 

Akif Pirinçcis „Deutschland von Sinnen“

 

Ein nützlicher Idiot

 

Jörg Sundermeier, taz, 8.4.2014

 

"Akif Pirinçci pöbelt in seiner Hassschrift gegen das „Gutmenschentum“ und erreicht Bestsellerstatus. Im Hintergrund mischt die rechte Szene mit...

Das Buch scheint sich nun zu einem Bestseller zu entwickeln, was nicht allein damit zu erklären ist, dass Akif Pirinçci ja bereits zuvor Bestseller vorgelegt hat. Dass Pirinçci kein gebürtiger Deutscher ist und deutschnational denkt, mag für manche erstaunlich sein, den Erfolg erklärt es nicht. Auch kann dieser kaum damit erklärt werden, dass jemand dieses Geholze und Gebolze wirklich ernst nimmt….

Inhaltsloser Kampf gegen die „Gutmenschen“

Das Problem ist: Jeder Kampf gegen das „Gutmenschentum“ gilt heute bereits als Wert an sich. Wie gesagt, hier wird Politik veranstaltet, und politische Topoi werden mit Unmut und Gefühlen verrührt. Unmittelbare politische Konsequenzen können und wollen Hasssprecher wie Pirinçci allerdings nicht ziehen: Sie fordern weniger Steuern oder mehr Integration, und alle, die anderes meinen als sie, sollen „die Fresse halten“...

Ihre Veranstaltung aber hat Konsequenzen – denn sie begeistert viele Unzufriedene, die auch von der Moderne überfordert oder von ihrer Männlichkeit enttäuscht sind, die glauben, dass die Veranstaltung der politischen Realität entspreche. Populisten können sie dann abholen. Und Leute, die sich mit Büchern wie „Deutschland von Sinnen“ beschäftigen, müssen sich daher genauer positionieren, um nicht nur das Unflätige zu betonen und das Bedenkenswerte gegen die von ihnen herbeigeredete Hitlerei abzuwägen.

Sie müssen sagen: Hier haben politisch erfahrene Rechte einen nützlichen Idioten gedungen, der in ihrem Sinne wirkt."

 

 

 

Eine-Frau-Tea-Party

Heiko Werning, taz 11.4.2014

"Fing nicht alles mit Eva Herman an? War sie, die Eine-Frau-Tea-Party, nicht die erste Mediengestalt, die mit den etwas anderen Thesen zum neuen Familienbild hervortrat und gegen Teufelszeug wie Emanzipation zu Felde zog?...

 

Sie hat mit dem Verlust ihres Jobs als „Tagesschau“-Sprecherin dafür bezahlt. Seitdem hadert sie mit der hiesigen Gutmenschendiktatur, ist aber zur Pionierin geworden, der ein ganzes Heer aus Matusseks, Lewitscharoffs, Mosebachs, Sarrazins, Martensteins und von Altenbockums hinterherrumpelstilzt...

 

Wenn sie es jetzt noch schafft, die durchgeknallten Rechtspopulisten zu stramm linken Positionen umzuerziehen, könnte man sie direkt lieben. Und wenn sie schließlich Akif Pirinçci heiratet – der sucht ja gerade eine dummdeutsche Frau – und mit ihrem Gefolge in Putins Eurasische Union auswandert, dann wollen wir ihr immer ein ehrendes Andenken bewahren. Auf dem Christopher Street Day, zum Beispiel."  

 

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