"SUPERMAN", "BATMAN", "DER KOLLEGE"!

Die Ludolfs müssen – arme – Verwandte hier bei mir in Oberkirch haben.

Die Ludolfs sind bekannt, oder?

Es handelt sich um vier im pfälzischen Dernbach ansässige Brüder aus dem Autoverwerter-Milieu, die es aus irgendeinem Grund in eine nur für sie geschaffene TV-Serie mit Kultcharakter geschafft haben.

Gezeigt wird, wie ungemein lustig und abwechslungsreich das Autoverwerter-Leben ist. Oder sein kann, ich weiß auch nicht.

Die Protagonisten selbst erinnern an das, was einem früher auf dem Jahrmarkt im Zerrspiegellabyrinth entgegenblickte oder im Film „Als die Frauen noch Schwänze hatten“ aufgeboten wurde und meiner unmaßgeblichen Meinung nach sollte man sich ihnen nur mit einem Dampfstrahler und einer Familiendose Sagrotan bewaffnet nähern.

Aber das ist wahrscheinlich Geschmackssache.

Zurück zum Thema.

Vor geraumer Zeit dachte die Kette meiner Motorsäge, nun ist es gut, am siebten Tage soll man ruhen und verabschiedete sich in die Zahnlosigkeit.

Da ich befürchtete, beim Schärfen einer solchen Kette mehrere nicht unwichtige Teile meiner beiden Greifapparate zu verlieren, suchte ich die Land- maschinenabteilung einer örtlichen Genossenschaft auf, die alles rund um Obst- und Gemüseanbau vertickt.

Anwesend war ein fülliger Herr Anfang dreißig in grünen Latzhosen. Ich äußerte meinen Wunsch.

Mein Gegenüber musterte erst mich mit der für mich als Kunden klar erkennbar über der Stirn geschriebenen Einschätzung „Achtung Sessel-furzer!“, anschließend betrachtete er die Kette, meinte, das gehe aber ein paar Tage,  verpackte die Kette in einen nicht beschrifteten Umschlag und wünschte mir einen guten Tag.

Ich schaute zwar zweifelnd auf den mit unbeschrifteten, gleichwohl offensichtlich befüllten Umschlägen überladenen Schreibtisch, auf dem meine verpackte Kette ganz oben thronte, dachte jedoch bei mir, die Beschriftung macht der in einer ruhigen Minute und fuhr wieder heim.

Am darauffolgenden Samstag sprach ich wieder vor.

Anwesend war dieses Mal ein anderer Mitarbeiter, ebenfalls in grünen Latzhosen, der gerade mit einem ihm offensichtlich gut bekannten Kunden scherzte.

Ich erklärte in jener magischen Sekunde, in der er das nicht enden wollende Humorgewitter kurz unterbrochen hatte um Luft zu holen, ich hätte vor einigen Tagen bei seinem Kollegen eine Kette zum Schärfen abgegeben, die wolle ich nun abholen.

Es folgte lastendes, wenn nicht gar brütendes Schweigen, der Mann starrte mich an und die schiere Anstrengung der dabei verrichteten geistigen Arbeit war mit Händen zu greifen. Der neben ihm stehende Scherzkeks runzelte die Stirn und sah mich kritisch an (s.o. "Sesselfurzer").

Schließlich entfuhr dem Angestellten ein „Wenn?“.

Dem Ortsunkundigen sei an dieser Stelle erklärt, dass es sich bei „Wenn?“ im Badischen nicht etwa um eine Subjunktion mit der Bedeutung „sobald“ oder „falls“ handelt, dieses "Wenn?" beinhaltet vielmehr eine an das Gegenüber gerichtete Frage mit einer zeitlichen Komponente.

Als der Mitarbeiter sein „Wenn?“ los wurde, wollte er im lokalen Idiom Folgendes fragen:

Wann, verehrter Kunde, haben Sie die Kette Ihrer hoffentlich hier im Hause viel zu teuer erworbenen Motorsäge zu uns verbracht und der Obhut unserer ebenso fleißigen wie qualifizierten Werkstatt-Heinzelmännchen überantwortet?

Ich antwortete wahrheitsgetreu, der Angestellte kramte daraufhin erkennbar mehr alibihaft in einer nahe stehenden mittelgroßen Kiste und verkündete dann, da müsse ich noch mal kommen, am besten unter der Woche, „DER KOLLEGE“ sei jetzt nicht da und nur und allein "DER KOLLEGE" wisse, wo die Kette sei.

Ich erkannte, dass weitere Anstrengungen hier nutzlos waren und schickte  mich drein.

Und hier kommen die Ludolfs ins Spiel.

Wer die Serie mal gesehen hat weiß, dass bei der Firma Ludolf Leute anrufen und nach Dingen wie einem halbzölligen (nicht dreiviertelzölligen!) Splint der linken hinteren Aufhängung bei einem Opel Kadett aus Oktober 1973 fragen. Oder so.

Einer der an der speckigen Küchenwand vor sich hindämmernden Ludolfs fungiert dann als Orakel und der daraufhin mit der Beschaffung beauftragte andere Bruder findet in der Halle, in der sich approximativ 100.000 Tonnen unsortiert anmutendes Altmetall befinden, genau an der vorhergesagten Stelle besagten Splint.

So schien mir das auch hier in Oberkirch zu laufen.

Scheiß auf Papier oder digitale Erfassung, das gesamte genossenschaftliche Auftragswesen ist in der Kleinhirnrinde eines einzigen und allwissenden Mitarbeiters hinterlegt, also der „DES KOLLEGEN“, an den dann verwiesen wird, wenn sich die übrigen Mitarbeiter mit Nichtstun und Kaskaden herz- zerreißender Scherze ihre Vergütung erstehen.

„DER KOLLEGE“ war dann bei meinem dritten Besuch auch anwesend und übergab mir mit großer Geste einen Umschlag mit der Kette.

Ich zahlte, fuhr heim und wollte die Kette aufziehen. Die Kette erwies sich als viel zu schmal und ungefähr dreißig Zentimeter zu kurz.

Ich überschlug kurz im Kopf den geistigen und wirtschaftlichen Aufwand, den ich betreiben müsste, um „DEN KOLLEGEN“ rundzumachen, anschließend ins Bild zu setzen und eine Rasterfahndung nach meiner eigenen Kette auszulösen.

Dann dachte ich mir, was soll´s, Ärger macht hässlich und so wie man dort organisiert ist, gibt es eher Gruppensex bei den Amish-Leuten als dass ich meine Kette wiedersehe.

Und vielleicht wird ja auch mein Kompagnon aktiv, denn es musste wohl gerade jemand im Ortenaukreis versuchen, eine Kette mit dreißig Zentimeter Überlänge aufzuziehen, bevor er hoffentlich selbige DEM KOLLEGEN ausdrücklich auch in meinem Namen über den übrigens auch kahler werdenden Schädel ziehen würde.

Und deshalb spreche ich von der "armen" Verwandtschaft der Ludolfs. Die Ludolfs finden in ihrem Chaos den Kram auch.

7.8.2010

Hier geht´s zur Sitemap.