Ahmed Rashid – Sturz ins Chaos

Ein absolutes Muss für jeden, der sich für die Geschichte des Afghanistankonflikts interessiert.

Man sollte etwas Vorkenntnis der Geschehnisse von 1979 bis 2001 mitbringen, zur Not kann man das aber auch Rashids gelegentlichen Anmerkungen entnehmen.

Das Buch las sich für mich wie ein Thriller. Alles kommt auf den Tisch – die mehr als fragwürdige Politik Pakistans unter Musharraf, die schließlich die Geister nicht mehr los wurde, die sie geschaffen hatte, das Versagen der Nato, die praktisch bar jeder Kenntnis oder Wahrnehmung der Verhältnisse vor Ort und nicht mit der nötigen Rückendeckung der insolvierten Ländern eingesetzt wurde und natürlich die insgesamt als unfähig einzuschätzende Regierung Karzai, die ein ums andere Mal Lösungswege für elementare Probleme verschlief, verhinderte oder verzögerte.

Eine nüchterne, brutale und schonungslose Analyse und damit das, was dieser Konflikt braucht.

Hinzu kommt, dass man auch mit Kartenmaterial sehr viel über die territoriale Situation vor Ort erfährt, etwa über die FATA, als "nordwestliche Grenzprovinz" eine Art Pufferregion auf pakistanischem Boden entlang der Grenze zu der afghanischen Unruheprovinz Kandahar (Nachbarprovinz Helmand), die nur formell von Islamabad kontrolliert wird und speziell in den  Unterregionen Nord- und Südwaziristan Brutstätte des Nachwuchses für die  Taliban geworden ist. Zur Provinz gehört übrigens auch das berüchtigte Swat-Tal.

Rashid ist mehrfach ausgezeichneter pakistanischer Journalist und gilt m. W. als einer der profundesten Kenner der Verhältnisse vor Ort. Er ist auch mit vielen Protagonisten wie Hamid Karzai persönlich bekannt, was ihn nicht an seiner auch heftigen Kritik hindert.

Zwischen den Zeilen wird auch deutlich, dass er auf eine sich seiner Meinung nach 2001 abzeichnende Wandlung des charismatischen Nordallianz-Führers Ahmed Schah Massoud hin zu einem afghanischen Führer gehofft hatte, was aber die Ermordung Massouds durch al Qaida verhinderte.

Rashid warnt den Westen auch immer wieder vor einem Scheitern der Mission und einem Wegbrechen Pakistans in den Islamismus, etwa wenn er Spaniens bekanntesten Ermittlungsrichter Baltasar Garzón zitiert (2008):" Meiner Meinung nach ist die dschihadistische Gefahr aus Pakistan die größte Bedrohung, mit der wir es in Europa zu tun haben. Pakistan ist in Sachen Ideologie und Ausbildung eine Brutstätte für Dschihadisten, und sie werden zu uns exportiert".

In jeder Hinsicht  ein klasse Buch, das man nur wärmstens empfehlen kann, auch wenn die Schlussfolgerungen einen sehr pessimistisch zurücklassen.

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