Heinz Buschkowsky - Neukölln ist überall

Neukölln ist natürlich NICHT überall, das weiß und sagt Heinz Buschkowsky auch. Es könnte nur sein, dass es künftig öfter so zugeht wie im Norden Neuköllns, wenn das von Buschkowsky angeprangerte Kartell des Schweigens, Wegsehens und Gutmenschentums nicht attackiert und als solches entlarvt wird. Und überhaupt - was heißt eigentlich "Neukölln ist nicht überall"? Da es "nicht überall" ist, kann man die von Buschkowsky erwähnten Probleme schnell wieder vergessen oder als lokales und damit uninteressantes Ereignis abtun, Handlungs- und Analysebedarf über den Kreis einsamer Rufe hinaus besteht nicht?

Buschkowsky monologisiert sehr oft in seinem Buch, was die Lektüre erfrischend macht, aber auch das Risiko birgt, dass er sich wiederholt in seinen Kernaussagen. Das zeigt aber wiederum, für wie wichtig und brennend er die Problematik hält, vor allem wenn er wie geschehen die Bemühungen im europäischen Ausland beleuchtet, dem Problem nicht oder kaum integrierbarer Parallelgesellschaften beizukommen. Gemeinsam mit Frau Heisig und anderen hat er europäische Großstädte wie Amsterdam, Rotterdam, London, Neapel und Glasgow besucht.

In den Niederlanden fährt man nach dem Morden an van Gogh und Fortuyn Schlitten mit dem Datenschutz, hat dafür aber mittels Bündelung der Kräfte und Datenaustausch ein offensichtlich hinreichend funktionierendes Präventions- und bei Bedarf eingreifendes Repressionsregime eingeführt, anders als in England, wo man sich mit Parallelgesellschaften abgefunden hat und im Wesentlichen Schadensbegrenzung betreibt.

Buschkowsky beklagt immer wieder das Schweigen der Politik (Sonntagsreden zählen nicht) und die ausbleibende Beschäftigung mit den zunehmenden Problemen wie der stark steigenden Zahl der Serientäter gerade im Bereich migrantischer Jugendlicher. Er prangert den Kotau vor zunehmend fordernd und selbstbewusst auftretenden Interessenverbänden an, deren Haltung die juste-milieu-Haltung in diesem Land befördere.

Ein Kapitel ist auch der Auseinandersetzung mit Thilo Sarrazin gewidmet, mit dessen Thesen er nicht immer einverstanden ist, dem er aber so oder so zu Gute hält, eine Debatte anstoßen zu wollen und - nur - dafür gekreuzigt zu werden. Mir ist aufgefallen, dass  Buschkowsky dabei die Distanz und innere Kälte Sarrazins speziell in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" kritisiert, die ich so nicht sehe. Sarrazin wird für seine Verhältnisse in dem Buch mehrfach geradezu enthusiastisch, wenn er fordert, der Staat und die Gesellschaft müssten für jeden Menschen die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, gewährleisten, das ist erkennbar sein Anliegen, was Buschkowsky meines Erachtens übersieht.

Kernanliegen aber immer und immer wieder "unsere" Kinder und ihre (Aus)Bildung. Das treibt den Mann geradezu um und man fühlt mit ihm, wenn er die belemmernde Situation an den Berliner Schulen, in der Berliner Schulpolitik und der Politik allgemein anprangert, die gerne auch mal die Meldepflicht bei Angriffen auf Lehrpersonal verändert, damit an den Schulen offiziell "Frieden" herrscht. Buschkowsky zeigt bei aller Kritik auch Lösungsansätze auf, die allzu oft im problemfernen Medien- und Politikgezerfe wieder untergehen. So scheiterte ein über mehrere Jahre erfolgreiches Projekt mit Wachschutz an bestimmten Schulen, nachdem es mehrfach zu Angriffen von extern gekommen war. Wie Buschkowsky mitteilt, hat der politisch korrekte Mainstream nach mehreren massiven Übergriffen zwischenzeitlich aber wieder die Richtung gewechselt und ab 2013 gibt es wieder Wachschutz.

Ich finde, Buschkowskys Buch ist nicht nur gut zu lesen, es hat auch ganz klar seine Berechtigung, zumal es geschrieben ist von einem (Front)Mann mit einem höchst ehrenvollen Anliegen und einem  brennenden Herzen fern jeden Rassismus´.

Um so ärgerlicher ist dann für mich, dass auch ich eine zunehmend  provozierende Wortwahl und eine bis zum Hass gehende Ablehnung dieses Landes, seiner Bewohner und Werte in verschiedenen Blogs und anderen sozialen Medien verzeichne, die angesichts des wirtschaftlichen Erfolges der Regierung Erdogan vorwiegend aus der türkischen Ecke kommen.

Buschkowsky bzw. dessen Buch spielen dort auch eine Rolle und zwar dahingehend, dass das Buch - natürlich, gähn - rassistisch und diskriminierend sei und man es daher weder lesen noch kaufen dürfe.

Abgesehen davon, dass diese Leute das Buch natürlich nie gelesen haben (ebenso wenig wie Sarrazins Schwarte), zeigt sich in der zweiten Forderung genau die Intoleranz, die Buschkowsky in gesellschaftlichen Verhältnissen verortet, in denen man sich bewusst separiert, an jahrhundertealten Riten orientiert und alles andere ablehnt. Nolens volens also echte Werbung für das Buch und das ist dann die gute Nachricht dabei. 

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