Napoli, bella Napoli – ein Reisebericht

Was soll ich sagen, der Vesuv ist tatsächlich nicht ausgebrochen und die Betrugsversuche hielten sich im dreistelligen Bereich und damit innerhalb dessen, was dem Neapel-Urlauber im DuMont folkloristisch liebevoll als südländisches Temperament und Geschäftstüchtigkeit verkauft wird.

Allerdings scheint in der Branche Müllproduktion Voll- beschäftigung zu herrschen, demgegenüber der Beruf des Müllmannes erkennbar unwiederbringlich ausgestorben ist und allenfalls noch von einigen Ewiggestrigen als Hobby betrieben wird. Des Weiteren kultiviert der durchschnittliche Neapolitaner eine Putzsucht, die ich bislang nur in einigen wenigen Sendungen auf Phoenix als Primatenritual bestaunen durfte.

 Jeder Kellner (oder sonst ein Repräsentant öffentlich bemerkbarer Tätigkeit) trägt eine Uniform, die den Gast in Erwartung geschnarrter Kommandos unwillkürlich strammstehen lässt.

Das morgendliche Anlegen dieser Berufskleidung scheint auch derart anstrengend zu sein, dass den Tag über zu weiteren Diensten schlichtweg keine Kapazität mehr vorhanden ist, so dass man sich wohl oder übel unter den gestrengen Blicken des Personals Geschirr und Besteck von anderen Tischen zusammenklaubt, um einigermaßen in die Lage versetzt zu werden, die Mahlzeiten einzunehmen, auch wenn keinerlei Gefahr besteht, sich an den mit durchaus professioneller Grazie auf den Tisch geschnippten Speisen die Finger zu verbrennen. 

Eine Reklamation ist völlig aussichtslos, da der Kellner, den man zuvor auf Englisch mit Hinweisen auf die Schönheit der Metropole und die Freundlichkeit seiner Bewohner milde zu stimmen beabsichtigte, ab dort nur noch italienisch versteht.

Meine Frau und ich begingen den Fehler, abends in der Hotelbar (es handelt sich um ein ****-Haus) noch hart verdiente Absacker in Form zweier Planters Punch zu ordern.

Nachdem sich die Barkeeperin mit einem starren Blick in die Karte und auf das über ihr angebrachte Schild “Exclusive Cocktails" vergewissert hatte, dass derartiges in ihrer Bar tatsächlich angeboten wird, pantschte sie unter unseren Augen irgendetwas zusammen und schaffte es tatsächlich, ausschließlich Zutaten zu verwenden, die auf gar keinen Fall im Planters Punch vorkommen.

Sie wurde dann zwar etwas quengelig, als wir das Produkt weder anrührten noch bezahlen wollten, konnte anschließend aber mit der Order zweier Bier (in fest verkorkten Flaschen und mit amtlich wirkendem Aufdruck "Birra" versehen) glücklicherweise wieder abgekühlt werden. Man will ja nicht als Querulant dastehen, schließlich sind wir Botschafter Deutschlands!

Ansonsten wäre anzumerken, dass irgendjemand (wurde mir zugetragen) die 1. (und einzige) Auflage der italienischen Straßenverkehrsordnung zu Hause aufbewahren und wie einen Schatz (= Unikat!) hüten soll. Hupen ist eindeutig ein Grundrecht, wovon die Söhne (und Töchter) des Römischen Reichs ausgiebig Gebrauch machen.

Glücklicherweise werde ich am Steuer völlig gewissenlos und hatte bei Anmietung eines Fahrzeuges auf einem Grundgewicht des Fahrzeuges von 1,5 Tonnen bestanden. Damit jagt man auch hartgesottenen Neapolitanern mit ein wenig Glück ganz kurz Angst ein, so dass es gelingt, zumindest vom Hotel aus loszufahren.

Wie sagt man von New York so schön - schaffst du es hier, schaffst du es überall.

Schlimmer war es übrigens nur in Istanbul. Dort rate ich jedem Bundesdeutschen, der sich auch nur einen Hauch von Skrupeln bewahrt hat, einen Leopard 2 zu importieren, anderenfalls man gleich in seinem Auto übernachten kann.

Tja, ansonsten war es wirklich toll und interessant (insbesondere Pompeji und Herculaneum); allerdings hieß es für mich "nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub", weil ich ziemlich gerädert (s.o.) zurückgekommen bin, was auch daran liegt, dass Alitalia Flugpläne mehr als freundlich gemeinten Wink denn als verbindliche Vorgabe versteht und Flüge nach Gusto streicht, was dann schon einmal dazu führt, dass man von Frankfurt nach Neapel länger braucht als von Frankfurt nach Ulan-Bator (über Philadelphia).

2004

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