Kanari

So, jetzt haben wir auch unseren Kanari, besser bekannt als Kanarienvogel.
Wir erinnern uns – Kanaris warnten früher Bergleute vor Kohlenmonoxid oder anderen gefährlichen Gasen, indem sie selbst das Leben einstellten um das der Kumpels zu retten.
Hintergrund unserer Anschaffung sind aber nicht wie man meinen könnte aus dem Ruder gelaufene Zwiebelrostbraten-Gelage, sondern die politische Großwetterlage. Wir haben gerne Gäste im Haus, bestehen aber altmodischer Weise darauf, dass sie es nur mit Dingen verlassen, die sie vorher auch mitgebracht haben.
Der Kanari ist von schönem geradem Wuchs, zweifarbig und wurde ausgebrütet im kalifornischen Cupertino. Apple vertreibt seit geraumer Zeit an stylishe Kleinvasen erinnernde kleinere Zylinder namens „Canary“, die eine Kamera, ein Mikro plus verschiedener Sensoren enthalten und die eigene Butze überwachen können. Zusatzkosten gibt es nicht, man entrichtet den übrigens sehr moderaten Kaufpreis, wartet auf die Lieferung, entnimmt das Gerät, stellt auf, schließt an, lädt eine App aufs IPhone herunter, über das man dann auch alles Weitere steuert und koppelt die Geräte, das war es.
Das Gerät überwacht mittels dreier Modi nicht nur den Innenbereich, sondern misst auch Temperatur, Luftfeuchte und - wichtig für den pflichtbewussten Kanari - die Luftqualität. In Luftqualitätsdingen als prekär eingeschätzte mobile Quellen unseres Haushaltes waren bei Anschaffung des Geräts bereits bekannt und wurden erfolgreich bei dessen Kalibrierung eingesetzt.
Da man lediglich eine Steckdose in der Nähe benötigt, kann man das Gerät je nach Anlass an verschiedenen Stellen im Haus aufstellen.
Was per hochauflösender Kamera oder Mikro erfasst wird, leitet das Gerät an kostenlos zur Verfügung gestellten Webspace weiter, wo es gespeichert und mit unterschiedlich ausgeprägtem Vergnügen nachher via IPhone betrachtet werden kann.
Das Gerät ist völlig unbestechlich und meldet dank Nachtsichtfähigkeit auch jede noch so geringe im Stockdunklen ausgeführte Bewegung im Haus an Marina, die als Einzige bei uns ein IPhone besitzt.
Diese Nachtbilder sehen übrigens aus, als stammten sie direkt aus einem Film, in dessen Titel unter anderem das Wort Leichenfresser vorkommt.
Die Erfolge sind verblüffend, auch wenn ich mich immer öfter dabei ertappe, wie ich einen suchenden Blick über die Schulter werfe, erhöhte Dosen Granufink zur Vermeidung nächtlicher Toilettengänge zu mir nehme und nur in gedämpften Ton mit Marius oder in den Telefonhörer wispere.
Jüngst erhielt ich während meines verdienten Halbschlafes im Fernsehsessel bei der fünften Staffel von "Homeland" per WhatsApp eine Mitteilung des auf einem Tupperabend bei Dunja weilenden Oberkommandos, der Kanari habe paranormale Aktivitäten in Gestalt eines dicken alten Manns detektiert, der den Kühlschrank geöffnet und die Wurstwaren der Metzgerei Maier für den morgigen Eintopf herausgeangelt habe, man bitte um Aufklärung und einen Stoßtrupp.
Dank 147°-Winkel ist auch unser Biedermeierschrank mit den Schoko-Cookies in Sichtweite, heimliches Paffen auf dem Balkon ein Ding der Unmöglichkeit geworden.
Marina reagiert zunehmend verschnupft auf meine Nachfragen, ob wir nun ihren Codenamen Mielke im Gerät hinterlegen sollen.
Bislang hat der Kanari seine echte Bewährungsprobe noch nicht meistern müssen und das kann so bleiben, wenn es nach mir geht. Kommt es aber zum Fall der Fälle, dann bin ich mir sicher, dass ich dank Kanari unsere Überraschungsgäste nicht verknautscht, sondern tadellos gekleidet und mit situationsadäquater Motivation sowie geeignetem Werkzeug versehen begrüßen werde.


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