Detlef Kleinert – Inside Balkan

Ich bin immer dankbar für Berichte von Leuten, die die Situation vor Ort genau kennen und nicht nur durch die tausend Filter der Medien.

Kleinert war langjähriger ARD-Korrespondent und kennt den Balkan sehr gut. Er schildert die serbische Aggression unter Milosevic nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens gegenüber Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo sowie das Versagen des Westens und der UN.

Kleinert schreibt mit heißem Herzen und man merkt, wie sehr er unter der Aggression Belgrads (und später Zagrebs unter Tudjman) und dem Versagen der Weltgemeinschaft gelitten hat.  Kapitelüberschriften wie „Die Feigheit des Westens“ und „Ist der Ruf erst ruiniert…“ zeigen das deutlich.

Für mich war bereits damals das Versagen Europas ebenso ein Fanal wie das Versagen der UN im ruandischen Völkermord, der während der Barbarei auf dem Balkan stattfand. Kleine Randnotiz: Ich wäre damals fast aus meiner Mietwohnung an der Lindenhöhe in Offenburg geflogen, weil ich aus meinem Wohnzimmerfenster in diesem Wohnsilo ein Leintuch mit der Aufschrift „Völkermord in Jugoslawien – wo bleibt die EU?“ hängte (mit stillschweigender Sympathie meiner Mutter), worauf ich von meiner Vermieterin um ein Haar gekündigt worden wäre („Wir sind hier nicht in der Hafenstraße“).

Zurück zu Kleinert: Das Buch verdeutlicht noch einmal die Zusammenhänge, die Abläufe und die paranoiden Gründe für die serbische Aggression, die Bauernschläue Milosevics, mit der er Verhandlungspartner wie die britischen Lords Carrington und Owen, sowie den ehemaligen US-Außenminister Vance ein ums andere Mal über den Tisch zog. Die ließen sich auch gerne über den Tisch ziehen, weil in Europa schon damals jeder sein eigenes Süppchen kochte, weshalb mir bis heute niemand mit der vielbeschworenen europäischen „Freundschaft“ und Solidarität kommen muss.

Die Franzosen und Briten misstrauten den Deutschen, zumal nach der Anerkennung Sloweniens im Alleingang – und unterstellten paneuropäische Germanisierung, was aus Belgrad eifrig unterstützt wurde. Der „Corriere della sera“ schrieb damals „Man erinnert sich schnell daran, dass die Deutschen nicht zufällig mit Slowenien und Kroatien enge Wirtschaftsbeziehungen unterhalten, dass Deutschland in der Erwartung, die Ex-DDR zu verdauen, sich auf die Erweiterung seiner Einflußzonen auf das befreite Mitteleuropa und den Donau-Balkan-Raum vorbereitet, dass die Feindseligkeiten gegenüber Serbien eher aus dem Projekt eines „germanisierten Europas“ stammen als aus dem eines „europäisierten Deutschlands“…“. Wie die Euro-Krise zeigt, ist man in dieser Frage heute keinen Schritt weiter.

Diese Uneinigkeit und die gleichzeitig grassierende Feigheit (trotz ethnischer "Säuberungen" und eines Völkermordes unmittelbar vor der eigenen Haustür!) nutzten Belgrad und später Zagreb natürlich aus, um bestialische Verbrechen begehen zu lassen (wer kann, möge sich die zweiteilige BBC-Produktion „Warriors – Einsatz in Bosnien“ auf youtube anschauen). Srebrenica kennen heute einige noch, nicht mehr bekannt sind etwa Sarajevo, Gorazde und Vukovar. Ich spare mir Ausführungen zu diesen „Schutzzonen“, wer interessiert ist, kann das ja googeln, angemerkt sei nur, dass Ruanda nicht von ungefähr kam.

Daneben wurde auch die  Religionskarte gespielt – man sah sich als orthodox-christliches Bollwerk gegen ein neues Osmanenreich und die Papisten, so dass der Vernichtungskrieg speziell gegen die bosnischen Muslime deutliche Zeichen eines Religionskrieges trug.

Kleinert macht das grauenhafte Versagen des Westens an bestimmten Beispielen deutlich, so am Waffenembargo, von dem jeder wusste, dass es nur die Opfer traf, denn die Serben konnten auf die riesigen Arsenale der jugoslawischen Armee zurückgreifen, einer Armee übrigens, worauf Kleinert hinweist, die zwar vor Waffen starrte, aber von katastrophalem Leistungsvermögen war und sich in eine reine gegen Bürger vorgehende Soldateska verwandelte, wie die erfolglose wochen- und monatelangen Belagerungen selbst von bosnischen Kleinstädten und der Umstand zeigten, dass sie im Zweiten Weltkrieg gerade 11 Tage standhielt.

Das Buch stammt von 1993 und viele Ereignisse sind über das Werk hinweggegangen. Es ist aber auch wegen seines Stils unbedingt lesenswert und zeigt vor allem, dass wir in Europa erkennbar auf der Stelle treten und beim Einsatz für angeblich universell geltende Rechte ein ums andere Mal furchtbar versagen. Wir sind ein tönerner Zwerg, kein tönerner Riese. Zum Riesen reicht´s bei uns nur im Medienfeuilleton und den Exportüberschüssen.

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