Yang Jisheng – Grabstein

Zwischen 1958 und 1962 fanden in China im Rahmen des „Großen Sprungs nach vorne“ 36 Millionen Chinesen den Tod, überwiegend den Hungertod. Mit dem „Großen Sprung“ sollten die Kräfte des Landes gebündelt und Rückstände zu westlichen Staaten in kürzester Zeit aufgeholt werden. Das führte zu grauenhaften Hungerkatastrophen, da die Bauern gezwungen wurden, sämtliche Ernteerträge abzugeben. Ganze Landstriche verhungerten, nachdem die Nahrungsmittelversorgung vollständig zum Erliegen kam. Einer der Toten war Jishangs Vater, den der Autor buchstäblich verhungern sah.

Als China in den letzten Jahren begann, sich langsam seiner Vergangenheit zu stellen, beschaffte sich Jishang sämtliche in China zugänglichen Quellen über den „Großen Sprung“ und wertete sie soweit möglich aus. Er entschloss sich, ein Buch zu schreiben, das er als Grabstein für seinen verhungerten Vater, aber auch die 36 Millionen gestorbenen Landsleute insgesamt  versteht. Ein Grabstein aus Stein genügte ihm nicht, er will mit seinem Buch die Erinnerung wach und vor allem lebendig erhalten.

Das Buch macht deutlich, welch ungeheure Anstrengung ihm zugrunde liegt. Jishang hat Unmengen von Fakten, Vorgängen, Entwicklungen und  sehr oft auch schockierenden Ereignissen zusammengetragen, die offensichtlich seinerzeit detailliert niedergelegt worden sind.

Das ist dann auch die Schwäche des Buches. Der Leser muss sich durch hunderte von Seiten arbeiten, die praktisch nichts anderes als menschliches Leid, Versagen, grauenhafte Entwicklungen bis hin  zu Kannibalismus schildern. Man mag sich kaum vorstellen, dass so etwas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts möglich war, obwohl wir etwa durch Ruanda eines Besseren belehrt wurden.

Ich musste die Lektüre nach etwa der Hälfte abbrechen, zum Einen konnte ich es dann nicht mehr ertragen, zum Anderen wiederholten sich die Vorfälle und Vorgänge immer wieder, da nacheinander die an sich identische Entwicklungen in verschiedenen Provinzen geschildert werden. Die schiere Masse erschlägt den Leser und sorgt so für ein gewisses Erlahmen, was schade ist, weniger wäre hier m. E. mehr gewesen.

Jisheng gebührt allerdings höchster Respekt und Dank für ein speziell für China außerordentlich wichtiges Buch, dessen politische und kulturelle Bedeutung primär für das Land und seine Bevölkerung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Aber auch mir als "Westler" wurde wieder einmal eindrücklich verdeutlicht, was Menschen bereit sind zu tun im Sinne einer bestimmten Doktrin, wie wichtig eiue offene Gesellschaft ist und dass es lediglich einer vergleichsweise kleinen, aber um so entschlosseneren Gruppe bedarf, um die Fundamente einer Gesellschaft zu gefährden und die große, im Zweifel eingeschüchterte oder verunsicherte Mehrheit zum Gegenteil dessen zu veranlassen, das sie eigentlich will.

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