Der Populismus des Akif Pirinçci

Wie Sarrazin auf Speed

05.04.2014 , Harald Staun, FAZ

 „… und wenn in diesen Tagen nun der türkische Krimiautor Akif Pirinçci das Gleiche noch mal im Jargon eines Zuhälters herausbrüllt und damit an die Spitze der Amazon-Charts stürmt, dann ist es vielleicht an der Zeit, den tapferen Kämpfern für die Meinungsfreiheit endlich recht zu geben...

Ob das schon links ist, das ist nur leider eine so unergiebige Frage wie jene, ob es sich bei Pirinçcis Hasstirade um rechtsradikale Propaganda handelt. Hinter seinem krawalligen Vulgärkonservativismus verbergen sich eher die altbekannten Klagen jener Wutbürger, die mit all den Zumutungen einer modernen Gesellschaft nicht mehr klarkommen: mit Homosexuellen, die heiraten, mit Frauen, die eine eigene Meinung haben, mit Jugendlichen, die nicht arbeiten, oder mit Wörtern mit großem I in der Mitte. In seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ brüllt Pirinçci, der mit dem Katzenroman „Felidae“ reich wurde, Sarrazins Empörungslitanei noch mal durchs Megafon. Man wird ja wohl noch mal herumpöbeln dürfen...

Was da als Liebeserklärung eines türkischen Einwandererkindes zu Deutschland verkauft wird, zu Wäldern und Wiesen, zu den fleißigen Männern und vor allem zu den Frauen (jedenfalls solange sie sich bewusst sind, dass sie vor allem der Fortpflanzung dienen), ist ein Homunkulus aus dem Labor neokonservativer Theorien, so widersprüchlich, dass man Angst hat, das Buch könnte jeden Moment implodieren. Die Quelle der Kraft seines rührenden Wahlnationalismus etwa schöpft Pirinçci aus seinem türkischen Chauvinismus, den sich die verweichlichten Deutschen schon längst verboten haben. Dass er der lebende Beweis dafür ist, dass die Identität, die man sich konstruiert, nichts mit der genetischen Abstammung zu tun haben muss, hält ihn wiederum nicht davon ab, die Gender Studies als Quatschwissenschaft „durchgedrehter Lesben“ zu beschimpfen. Und beim Anblick des Christopher Street Days gruselt er sich zwar fürchterlich, aber zum Inbegriff des modernen westlichen Lebensgefühls macht er: die Bee Gees! ...

Es ist kein Zufall, dass die Anhänger des gepflegten Ressentiments so gern das Märchen von der Unterdrückung ihrer Meinung erzählen. Es ist die Existenzbedingung für einen Populismus, der sich als Außenseitertum inszeniert und ständig unbequeme Wahrheiten hervorbringt, weil er alles, was unbequem ist, schon für die Wahrheit hält. Davor aber, dass ihre Ansichten einmal Mainstream werden, haben ihre Vertreter selbst am meisten Angst." 

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