Franz Werfel - Die vierzig Tage des Musa Dagh 

Ein großes und großartiges Buch. Werfel recherchierte mehrere Jahre intensiv, ehe sein Roman über den Völkermord der Türken an den Armeniern während des ersten Weltkrieges ab 1915 in Deutschland 1933 erschien und alsbald verboten wurde. Werfels Werke fielen auch dem nationalsozialistischen Autodafé zum Opfer, er selbst floh schließlich über die Pyrenäen nach Spanien, wovon auch sein Buch "Das Lied von Bernadette" handelt..

Der Musa Dagh ist ein Berg an der südlichen Mittelmeerküste der Türkei, nahe der Grenze zu Syrien. Nächstgelegene größere Stadt war Antiochia, heute Antakya. Erzählt wird primär an Hand der Hauptfigur, dem armenischen Grundbesitzer Gabriel Bagradian, der Völkermord an den Armeniern und zwar kenntnisreich bis in die Details. Die Bewohner der Bergdörfer des Musa Daghs hatten zwei Alternativen - entweder Deportation in den Tod oder Widerstand in den Bergen. Unter der Führung Bagradians wählen die meisten der Bewohner den Widerstand, der von den Türken schließlich in für sie unerwartet verlustreichen Kämpfen gebrochen wird, allerdings naht unerwartete Rettung.

Man merkt, wie sehr sich Werfel nicht nur mit den Ursprüngen, Motiven und Folgen dieses klar geplanten und gewollten Genozids befasst hat, sondern auch mit der Organisation, dem Wesen und der Psychologie des Osmanischen Reichs unter den Jungtürken, deren kaltes Technokratentum bei der Ermordung Tausender Mitbürger stark an die Jakobiner der Französischen Revolution erinnerte, wenn nicht gar in Ansätzen an dnm nationalsozialistischen Terror.

Plastisch dargestellt wird das an Hand des im Buch nachgezeichneten Gesprächs zwischen Johannes Lepsius, dem deutschen Geistlichen und Orientalisten, mit Enver Pascha - einem der drei führenden Männern neben Talat Pascha und Kemal Pascha -  in Istanbul 1915, in dem sich Lepsius für einen Stopp der Deportationen einsetzte, bei Enver aber nur auf Heuchelei und kalte und teilnahmslose Ablehnung stieß.  Pogrome gegen die Armenier waren in der Türkei nichts Neues, etwa 20 Jahre zuvor war es bereits unter Abdul Hamid II. zu blutigen Verfolgungen gekommen.

Es ist unmöglich, dieses sprachgewaltige und ebenso eindrückliche wie eindringliche Werk hier gebührend zu beschreiben, was auch daran liegt, dass es knapp 1.000 Seiten umfasst. Das Buch ist gleichzeitig eine Blaupause und man ist überrascht, wie sehr sich seither das Muster wiederholt hat, wenn man sich Genozide wie im ehemaligen Jugoslawien oder in Ruanda vergegenwärtigt. 

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