Christopher Clark - Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Spätestens seit Fritz Fischers "Griff nach der Weltmacht" ist man sich in der Geschichtswissenschaft über die Frage, wer warum am Ausbruch des Ersten Weltkrieges schuld ist, wohl relativ einig.

Schon der Titel (EUROPA zieht in den Krieg) verrät, dass Clark das etwas anders sieht und schon jetzt zeigt die laufende Debatte, dass Clarks Buch das Zeug zum Klassiker hat.

Es beeindruckt mit einem extrem hohen Detailreichtum und besticht durch schlüssige und unerschrockene Folgerungen aus bestimmten Vorgängen, die immer in den geschichtlichen Zusammenhang unter Berücksichtigung damaliger Denk- weisen gesetzt werden.

Es beginnt mit der neueren Geschichte Serbiens, das sich auf seine alte Geschichte besann und Groß-Serbien-Träume entwickelte, was einem alles seltsam bekannt - 1990er - vorkommt. Die instabile politische Lage im Land - eine fast machtlose Zivilregierung und - verwaltung sieht sich mit einer fortschreitenden Unterwanderung des Militärs durch die Extremisten der "Schwarze Hand" konfrontiert - machte aus dem Land ein potentielles Pulverfass, das auch eine Gefahr für seine Nachbarn darstellte, wie etwa die Balkankriege zeigten.

Beschrieben wird dann die Situation in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, die sich anders als etwa das Osmanische Reich zu Beginn des zweiten Jahrzehnts  des 20. Jahrhunderts keineswegs so desolat und brüchig darstellte wie man meinen konnte. Das Reich prosperierte wirtschaftlich trotz aller Spannungen und Verwerfungen, die die eigentümliche Konstruktion mit sich brachte. Interessant die permanente Auseinandersetzung zwischen Generalstabschef von Hötzen- dorf und dem Kronprinzen Franz Ferdinand, der immer wieder versuchte, den geradezu absurd auf kriegerische Abenteuer programmierten von Hötzendorf zu bremsen. Clark ist sich sicher, dass von Hötzendorf ausgebootet worden wäre, hätte Princip nicht Franz Ferdinand in Sarajevo erschossen. 

Im Weiteren werden dann die vorherrschenden Bündnis-konstellationen dargestellt unter Berücksichtigung des Umstandes, dass das eigentlich isolierte Frankreich durch den Pakt mit Russland versuchte, Deutschland nach der Kündigung des Rückversicherungsvertrags 1890 in eine Sandwich-Situation zu manövrieren, um ihm im Kriegsfalle eine Zweifronten-Situation aufzuzwingen, die sich dann ja auch tatsächlich einstellte.

Interessant und gut belegt auch die Zurückweisung der These, eine wesentliche Ursache für den Krieg sei ein Wettrüsten zwischen Großbritannien und Deutschland zur See gewesen. Die Deutschen hatten dabei aber nie eine Chance und erreichten ihre anvisierten Ziele zu keinem Zeitpunkt, weshalb Tirpitz das Wettrüsten 1913 auch offiziell für beendet erklärte, ohne dass die Briten die Deutschen bis dort insoweit je ernst genommen hätten. Auch die Großmachtbestrebungen erinnerten eher an das dünne Pfeifen im Walde oder eine planlose Schnitzeljagd denn an eine wirkliche überseeische Herausforderung. Clark zitiert auch aus dem Tagebuch von Generalstabschef von Waldersee im Jahre 1900:" Wir sollen Weltpolitik betreiben. Wenn ich nur wüsste, was das sein soll".

Nicht nur im Hinblick auf den Expansionsdrang serbischer Herrscher erkennt man Parallelen, sondern auch beim gezielten Einsatz von Sprache und Medien, wobei Clark auch hier relativ kritisch mit der Attitüde französischer und englischer Verantwortlicher umgeht.

Neu war für mich auch die Darstellung der Machtverhältnisse in den beteiligten Staaten, bei denen man - naiv - annahm, dass es in etwa  nach dem "alles hört auf mein Kommando" der jeweiligen Herrscher ging. Weit gefehlt, Wilhelm Zwo etwa wurde mehr als einmal nach aberwitzigen und auch idiotischen politischen Plänen von seinen Ministern und Außenpolitikern kaltgestellt, und war im Übrigen eher ein Cunctator. In England behielt die deutschenfeindliche Kamarilla um Außenminister Sir Edward Grey die Deutungshoheit und ähnlich sah es auch in Poincarés Frankreich aus. Es regte sich durchaus beträchtlicher Widerstand in diesen Ländern gegen diese konfrontative und teils provokative Haltung, wodurch auch widersprüchliche und nur schwer zu deutende Signale an die jeweils andere Seite gefunkt wurde. Ich denke, hätte man gewusst, was daraus erwächst, wäre man energischer eingeschritten, aber so konnten die Züge aufeinander zurasen.

Sehr interessant auch der Hinweis darauf, dass und wie der italienische Überfall auf Libyen, seinerzeit Teil des Osmanischen Reiches, den Balkan in Aufruhr versetzte, weil die Schakale die Schwäche des osmanischen Riesen spürten und hierdurch ohnehin schwelende Expansionsgelüste angeheizt wurden, die Balkankriege belegen das deutlich und durch die unmittelbare Nachbarschaft Serbiens und Österreich-Ungarns war die Lage andauernd brisant.

Immer wieder auch der Hinweis auf die Fraktionen in den einzelnen Länderregierungen, die sich bis aufs Blut bekämpften und jede Prognose zum künftigen Kurs des Landes fast unmöglich machten. Besonders ausgeprägt in Russland, wo sich schließlich auch die aggressivere Fraktion durchsetzte. Immer wieder Thema dabei auch der beabsichtigte Zugriff der Russen auf den Bosporus und die Dardanellen, den Zugang aus dem Schwarzen Meer ins Mittelmeer, was die Briten beunruhigte, die trotz der tonangebenden antideutschen Fraktion speziell im Außenministerium versöhnlichere Töne gegenüber Berlin anschlugen und damit wiederum Frankreich und Russland beunruhigten. 

Aufgegriffen wird dabei auch die Entsendung Liman von Sanders zur Hohen Pforte, die die teils paranoiden, teils kalkulierten Verbalattacken vor allem Russlands und Frankreichs auslöste, ein Beispiel dafür, wie sehr Motive und Ziele in Zeiten ohne "rotes Telefon" missverstanden wurden. Clark unterstellt, dass niemand den "großen Krieg" wollte, man aber durch Missinterpretation darauf zu stolperte.

Je weiter man kommt, um so klarer wird einem der gewählte Buchtitel.

Das Attentat selbst wird relativ genau geschildert, ebenso der provokative, unerhörte und  inakzeptable Umgang Serbiens mit dem Attentat und den gut begründbaren Indizien für eine Verschwörung der Schwarzen Hand, der Princip und die anderen Attentätern angehörten, die ihrerseits letztlich vom serbischen Geheimdienstchef Apis mit stillschwiegender Duldung von Ministerpräsident Pasics gelenkt wurde. 

Die Österreicher waren letztlich ratlos, wie sie reagieren sollten, sie versicherten sich aber des Rückhaltes der Deutschen für den Fall des Krieges, wobei Clark klar belegt, dass die Deutschen die k.u.k.-Monarchie keineswegs aufgestachelt haben, tendenziell eher nicht zum (großen) Krieg neigten, jedenfalls nicht als unmittelbare Folge des Attentates, gleichzeitig aber beachten mussten, den einzig verbliebenen mitteleuropäischen Verbündeten nicht zu verprellen. Noch am 28.7.1914 - Deutschland hatte anders als die Russen noch nicht mobilisiert - notierte Wilhelm an den Rand des Textes mit der serbischen Antwort auf das Wiener Ultimatum, damit sei jeder Kriegsgrund weggefallen.

Alles lief indes unter der Annahme, dass man irgendwann den großen Krieg mit Russland suchen müsse, da Russland unendlich viel Geld in seine Rüstung und die Infrastruktur (Eisenbahnen) steckte und zu einem irgendwann nicht zu schlagenden Gegner wachsen würde und aus seinem Großmachtstreben auch keinen Hehl machte.

So druckten französische Zeitungen nach einer Einladung ihrer Kournalisten durch die russische Regierung Fortsetzungsartikel, die sich mit der Masse und dem Ausbildungs- und Ausrüstungsstand der russischen Armee an der Grenze zu Polen und Österreich-Ungarn befassten und auch schilderten, wie weit ausgebaut die russische Schieneninfrastruktur sei, was schnelle Truppenverlegungen zuließ.

Da die Deutschen Russland allerdings noch nicht weit genug sahen, etwa das deutsche Reich militärisch zu besiegen, gingen sie davon aus, dass das auch den Russen bekannt sein musste, weshalb man aktuell keinen "großen" Krieg erwartete, sondern einen auf den Balkan begrenzten  lokalen Konflikt und dementsprechend die Truppen lediglich in Bereitschaft hielt und das bis unmittelbar vor den Ausbruch des Krieges, den man wie erwähnt als lokalen Krieg erwartete, isnbesondere auch ohne Beteiligung Englands. 

Poincaré und der Zar waren hier schon wesentlich weiter und bei einem Treffen in Kronstadt auf dem französischen Schlachtschiff "France" wurden die Pfähle eingeschlagen für den kommenden Krieg. Serbien wurde durch die faktische Generalmobilmachung der Russen bestärkt, das Ultimatum aus Wien zurückzuweisen.

Geklärt ist, dass auch Paris nicht durch einen übereifrigen Botschafter in St. Petersburg unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in den Krieg getrieben wurde. Dagegen sprechen die eigene Diktion der französischen Führung wie auch die Telegramme des französischen Militärattachés am Zarenhof. 

Die Entente suchte die Auseinandersetzung mit Österreich-Ungarn, anders lässt sich das nicht beschreiben, wobei man Serbien als permanentes Unruhe- und Sabotageelement in der unmittelbaren Nachbarschaft der Doppelmonarchie benutzte. Serbien wird dadurch nicht entlastet, das schon deshalb, weil die irredentistischen Vorstellungen der Serben permanente Provokationen bedeuteten. Hinzu kam, dass das völlig legitime Interesse Österreich-Ungarns an einem Aufbrechen der provokanten Haltung Belgrads nach dem Attentat in Paris und St. Petersburg bewusst negiert und alles getan und versucht wurde, Wien als Aggressor darzustellen.

Interessanterweise spielt Berlin über weite Teile des Buches kaum eine Rolle, seine Rolle spiegelt sich vielmehr in den Ängsten und Erwartungen der übrigen Protagonisten.   


to be continued...

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