Kirsten Heisig – Das Ende der Geduld

Man musste ja zur Kenntnis nehmen, dass Frau Heisig ihrem Leben unmittelbar vor Veröffentlichung ihres Buches freiwillig ein Ende gesetzt haben soll.

Ich sage bewusst „soll“, denn mir ist am Ende jeder gelesenen Seite immer unverständlicher geworden, warum sie den Suizid gewählt haben will.

Dieses Buch ist wie ein Stein, den man in einen See wirft. Man will doch dann sehen, welche Wellen er auslöst, welche Kreise das Ganze zieht.

Frau Heisig war lange Jahre Jugendrichterin in Berlin-Neukölln und hat die Tristesse und den Schrecken von Kindheit und Jugend, die in verwahrlosten und gewalttätigen Kreise verbracht werden müssen, inklusive der daraus fast zwangsläufig resultierenden Folgen miterlebt. Vor ihrem Richtertisch standen die oft völlig uneinsichtigen Produkte dieser Entwicklung, wobei sie nie die Folgen sinnloser Jugendgewalt für die Opfer aus den Augen verliert., weshalb das Buch auch den Untertitel "Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter" trägt.

Ein Untertitel., der zweifelsohne wieder die interessierten Kreise dieser Gesellschaft auf den Plan rufen wird, die ihr das Etikette "Richterin Gnadenlos" umgehängt hatten, wie immer in diesen Fällen ohne Background-Kenntnis und den Umstand ignorierend, dass Frau Heisig seit jeher gegen gesetzliche Verschärfungen der Strafrahmen war. 

Ihre Anklageschrift richtet sich daher auch primär gegen saufende, prügelnde, seelen-  und   geistlose Eltern, überforderte, ignorante, manchmal auch teilnahmslose Politiker, Behörden, Schulen  und Lehrer, einen fast zahnlosen und sehr oft die political correctness hofierenden Rechtsstaat.

Man merkt, wie sehr ihr die Verhältnisse zu schaffen gemacht haben, wie sie versucht, durch das Eintauchen in die verschiedenen Milieus zu verstehen, ohne die Verantwortlichkeit der Jugendlichen selbst aus den Augen zu verlieren.

Sie hat sich vor Ort, bei Bedarf auch im Ausland, ein Bild verschafft, was Jugendgewalt auslöst und wie ihr beizukommen sein könnte, wo das derzeitige System durchaus auch massive Schwächen hat, die es abzustellen gilt. Sehr oft meinte ich eine Art Hast zu spüren, als müsse sie das jetzt unbedingt und sofort aufschreiben, ehe etwas geschieht.

Man mag ihre Meinung  an verschiedenen Stellen vielleicht nicht teilen, unbestreitbar dürfte sein, dass sie eine feste Meinung hatte und diese auch sehr gut darzustellen und zu vertreten wusste. Bequem war sie auch als Richterin ganz sicher nicht.

Die Darstellung der Milieus, von gesellschaftlichen Vorgängen inklusive einer eher deprimierenden Zukunftsprognose und der Fakten macht dieses Buch aus, das ich gerne gelesen habe.

Vielleicht ist es Frau Heisig ein wenig wie Robert Enke gegangen, der auch auf dem Zenit stand, als ihn die Depression überwältigte. Das ist sehr schade. Dieser Gesellschaft hätten weitere Beiträge einer streitbaren Juristin sicher gut getan.

Ganz zum Schluss möchte ich sie selbst zu Wort kommen lassen mit dem nachwort des Buches, das aus meiner Sicht für sich spricht:

"Einige Fragen werden mir immer wieder gestellt: Warum tun Sie das alles? Warum erledigen Sie nicht einfach nur Ihre Arbeit? Warum mischen Sie sich derart ein? Ich möchte hierauf kurz eingehen.

Es ist in meinem Leben selten ein längerer Zeitraum vergangen, in dem ich nicht darüber nachdachte, welch unglaubliches Glück ich habe, als Frau in diesem Land zu diesem Zeitpunkt der Weltgeschichte leben zu dürfen. Ich bin 1961 geboren. Das ist nicht so lange nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Dennoch fand ich von Anfang an Entwicklungs-bedingungen vor, die es mir ermöglichten, in Frieden, Freiheit und Gleichheit aufzuwachsen und schulisch, beruflich und privat unbehelligt von äußeren Einflüssen und gesellschaftlichen Zwängen eigene Entscheidungen zu treffen.

Dafür bin ich meinem Elternhaus, aber auch den Vätern des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland dankbar, denn die meiner Generation zur Verfügung stehenden Möglichkeiten folgen keinem Naturgesetz.

Wenn ich mich in anderen historischen Phasen oder in anderen Teilen der Welt umschaue, fühle ich mich darin bestärkt, unserem Land etwas zurückzugeben, das jenseits der Ausübung meiner beruflichen Tätigkeit liegt – auch wenn ich dabei anecke.

Ich möchte, dass die künftigen Generationen dieselben Chancen erhalten, die sich mir boten. Hier sehe ich momentan Gefahren, die sich nicht ausschließlich, aber auch im Bereich der Kriminalitätsentwicklung zeigen.

Die Gesellschaft befindet sich aus meiner Sicht an einem Scheideweg.
Sie könnte sich spalten: in „reich“ und „arm“, in „links“ und „rechts“, in „muslimisch“ und "nicht-
muslimisch“. 

Es ist deshalb, abgesehen von noch zu beseitigenden Handlungsdefiziten im Bereich der Kriminalitäts-bekämpfung, insgesamt notwendig, eine ehrliche Debatte jenseits von Ideologien zu führen.
Sie wird kontrovers, wahrscheinlich auch schmerzhaft sein.
Deutschland wird sie aushalten – und mich auch."

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