23.06.2016: Sie haben es getan, sie haben es tatsächlich getan.

Sie haben sich vorbehalten, in einem demokratischen Referendum eine demokratische Entscheidung zu treffen und haben der EU in den Hintern getreten. Und ihrem Premier gleich mit.

Historische Zeiten.

Die Reaktionen sind auch wie erwartet, es werden die Plattitüden aus der Mottenkiste geholt, mit denen man bei uns nur die üblichen (leider aber noch in der Mehrzahl seienden) Angsthasen schocken kann.

Der Brexit sei dem "abgehängten Teil der Bevölkerung aus dem Nordosten" zu verdanken, vor allem aber den "Alten", die mal wieder auf Kosten der Jungen gehandelt hätten, wie ein ebenso anmaßender wie durchgeknallter Jüngling namens Wolfgang Gründinger, Sprecher einer mir bislang unbekannten "Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen", Autor u.a. einer mir ebenfalls völlig unbekannte Schwarte namens "Alte Säcke Politik - Wie wir unsere Zukunft verspielen" in diesem Interview im Deutschlandfunk moserte und tatsächlich bedauerte, dass Briten über 65 mit abstimmen durften, ohne dass ihm sofort einer übers Maul gefahren wäre, wie er es verdient gehabt hätte.

Was wir hier in  der Gestalt geheuchelter und falscher Fürsorge gekleidet sehen, ist die blanke Angst vor dem Kontrollverlust, vor der Erkenntnis des Souveräns, dass er ja was bewirken kann, wenn "sein starker Arm es will".

Und Respekt vor demokratischen Entscheidungen scheint auch von gestern zu sein, jedenfalls dann, wenn es laut Brüssel die "falschen" Entscheidungen sind. Regierungsübernahmen in irgendwelchen Peripheriestaaten, in deren Folge das umgeschmissen wurde, was vorher beschlossen worden war, um einen stellenweise jahrzehntelangen Schlendrian abzustellen, hatte ich als Demokrat und künftiger Dukatenesel dann auch hinzunehmen. Demokratie ist, wenn wir es sagen.

Klar ist, dass ich gestern Abend in die Falle bin mit einer Wasserstandsmeldung von Nigel Farage, dass es wohl nicht zum Brexit kommen werde, um heute Morgen mit dem Brexit aufzuwachen.

Es war zuvor immer wieder von einem "Warnschuss" die Rede gewesen, auch wenn es nicht zum Brexit kommen werde, sei das ein "Warnschuss" für Brüssel und zwar dergestalt, dass sich dann etwas ändern würde. Das kann m.E. nur jemand behaupten, der an den Osterhasen und zielorientierte Brüsseler Politik für die europäischen Bürger glaubt.

Was immer mit dem Brexit nun kommen wird, eines ist klar - Juncker, Schulz und Konsorten können jetzt nicht mehr zur Tagesordnung übergehen, sie sind mit der für sie völlig ungewohnten Konsequenz einer eigenständig, eigenverantwortlich und demokratisch getroffenen Entscheidung eines Gemeinwesens konfrontiert, das im Rahmen der EU den Laden bisher mit am Laufen und vor allem für ihre Aliemtierung gesorgt hat.

Entsprechend sehen die Reaktionen aus: Nach Herrn Juncker sollen die Briten jetzt aber pronto raus, dafür habe man Verträge, wobei ihm der Treppenwitz natürlich entgangen ist.

Das Votum ist ganz wesentlich so ausgefallen, weil es offensichtlich und unverständlicher Weise irgendwie nicht möglich war, Millionen von Briten von einer glänzenden und ganz tollen Erfolgsgeschichte zu überzeugen.

Der Zustand Europas nach vielen Jahren Eurokrise und einem Jahr Flüchtlingselend ist vielmehr erkennbar so, dass man es nur mit Böswilligkeit erklären kann, wenn nun auf die britische Mehrheit eingeschlagen wird und sich in Brüssel und Berlin niemand findet, der sich an die eigene Nase fasst. Hass und nationale Egoismen waren nie ausgeprägter als in den letzten drei Jahren, da halfen selbst fortwährende Rechtsbrüche auf hoher und höchster Ebene nichts, Rechtsbrüche, für die man den Normalbürger in den Knast verbracht, zumindest aber aus jeder Funktion verjagt hätte.

Was soll man da aber auch erwarten, wenn selbst der deutsche Bundespräsident, die größte Fehlbesetzung seit Heinrich Lübke, noch vor wenigen Tagen meinte, nicht die Eliten seien das Problem in Europa, sondern die Bevölkerung.

Dieser selbstgerechten und abgehobenen Kaste haben die Briten mit Verve ins Gesicht gespuckt und dafür danke ich ihnen von Herzen.

Der von mir unheimlich geschätzte Altmeister Frederick Forsyth hat den zu erwartenden superdunklen Orakeleien eines kanzlerinhörigen Marcel Fratzscher, was die Zukunft Britanniens angeht, heute entgegengeschleudert:

"Ja, die Experten sind aus einem außerordentlichen Stamm, den wir fürchten sollen. Ich erinnere mich, zum Beispiel vor 13 Jahren war es genauso - uns wurde gesagt: Wenn die Briten ihr Pfund Sterling nicht einstellen und in die Eurozone kommen und den Euro als nationale Währung adaptieren, dann wird die Zivilisation zum Ende kommen. Quatsch! Das war alles vollkommener Quatsch! Es ist jetzt die Eurozone, die in der Krise ist, nicht wir."

Ich hätte ihn küssen können.

Es wird jetzt sicher erst mal rumpelig werden, aber wie man zwischen den Zeilen hört, wird die EU ohne die Briten gar nicht können oder wollen und vice versa, immerhin sind die Briten nach den USA der wichtigste Handelspartner, das lässt man nicht fallen. Man spürt aber förmlich die frische Brise, die diesen siechen Kontinent heute durchzieht.

It´s the democrazy, stupid.

 

 

Cameron, Farage, Johnson, Corbyn haben geschafft, was Napoleon, der Kaiser und Hitler nicht gelungen ist: Großbritannien zu zerstören.

Meinte Alan Posener aktuell. Der Posener, der Erdogan für einen aufrichtigen, aufrechten und der Idee der Integration nicht abhoden Politiker hielt und nicht für einen islamistischen Autokraten und Sohn Erbakans, der in Fragen der Macht keine Verwandten kennt.

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