Nach den alptraumhaften Vorgängen in Winnenden gibt es – wie nach jedem dieser Anschläge – alle möglichen gut gemeinten Ratschläge, was nun zu tun ist.

Klar dürfte aber sein, dass die Reduzierung der Zahl privat gehorteter Waffen nutzlos ist, solange eine Waffe für ein Massaker ausreicht, die Neueinstellung übergewichtiger Haus- meister Ende Fünfzig nur dazu führen wird, dass sie die ersten Opfer sein werden und eine Konzentration von privat vorgehaltenen Waffen bei den Schützenvereinen angesichts der im TV gezeigten Vereinsbretterbuden und der Aussicht für die Täter, auf einen Schlag an Dutzende von Waffen zu gelangen, zu Raids geradezu einladen wird.

Diese Gesellschaft hat sich damit abgefunden, dass es einen gengegebenen Bodensatz Kinderschänder, Vergewaltiger, Räuber und Totschläger gibt, auf deren Existenz man sein Leben und das seiner Lieben so gut es geht einrichtet, ohne alle Fenster des Eigenheims zu vergittern und mit Tretminen im Garten zu arbeiten.

Ähnlich verhält es sich meines Erachtens mit diesen Amokläufern, wobei dieser Begriff falsche Assoziationen auslöst.

Es handelt sich nicht um Menschen, die plötzlich vom Schreibtisch oder  vom Abendessen aufstehen, sich eine Waffe schnappen und wahllos andere Leute umbringen.

Nach allem was ich gehört und gelesen habe, sind die Taten lange vorbereitet und geplant, es gibt sogar klar definierte Opfergruppen.

Robert Steinhäuser ist bei seiner Mordserie an Schulkameraden vorbeigekommen, die er nur deshalb verschonte, weil sie nicht in sein Opferschema passten, ihm ging es primär um das Töten von Lehrern.

Selbst einer der Littleton-Täter forderte einen Schulkameraden im Eingangsbereich der Columbine-Highschool noch auf, sich besser schnell zu entfernen, bevor er mit dem Massaker begann.

Diese Leute sind schlicht Massenmörder, bei denen ich bezweifle, dass man sie tatsächlich vor ihrer Tat erreichen kann.

Tim Kretschmer WAR ja nach allem was man hört schon in psychiatrischer Behandlung, die er aber offensichtlich abgebrochen hat und vor allem abbrechen konnte. Soweit ich das ermessen kann, erfüllte er auch ganz wesentliche Voraussetzungen dessen, was heute als klarer Hinweis zu gelten hat, Alarmzeichen, die schon nach Erfurt wie das vielzitierte Menetekel an der Wand erschienen waren und die auch in Winnenden nicht erkannt wurden, was 15 unschuldige Menschen das Leben kostete.

Wie soll man aber auch einschätzen können, wie real etwa eingebildete Kränkungen durch „die Gesellschaft“ für den Betreffenden sind und wie er darauf zu reagieren gedenkt?

Ich höre immer wieder, dass diese Leute darunter leiden, nicht „dazu zu gehören“, nicht zu den „Führern einer Gruppe“, zu den „anerkannten Mitgliedern einer Gruppe“ zu gehören. Na und?

Alles hilf- und vor allem ratloses Gefasel. Gilt das denn letztlich nicht für mindestens 80% der Angehörigen dieser Gesellschaft, der doch immer wieder nachgesagt wird, sie fördere die Vereinzelung und Vereinsamung ihrer Mitglieder?

Mir hat man auch immer noch nicht erklären können, wie man auf die Ergebnisse einer Soziopathen-Rasterfahndung reagieren will.

Was macht man mit einem, von dem man glaubt, er habe ein Massaker vor, der das aber natürlich abstreitet oder seine Ankündigungen als „Scherz“ verkauft?

Prophylaktisch einsperren?

Ich denke, es ist klar, dass unser Instrumentarium hier angesichts des Konflikts zwischen der grundgesetzlich geschützten freien Entfaltung der Persönlichkeit einerseits und eines legitimen Schutzbedürfnisses der Allgemeinheit andererseits unzureichend ist und aus (guten) systemimmanenten Gründen unzureichend bleiben wird.

Und ich bin auch nicht der Meinung, das jetzt alles den Eltern in die Schuhe zu schieben, denn sie stehen im Kleinen vor dem selben Problem wie die Allgemeinheit. im Großen.

Es besteht keinerlei Zweifel, dass es viel zu viele Fälle psychischer und physischer Vernach-lässigung von Kindern durch ihre Eltern gibt und das muss weiter bekämpft und geächtet werden.

Berücksichtige ich aber, dass viele dieser jugendlichen Massenmörder in durchaus gutsituierten, behüteten Verhältnissen aufgewachsen sind, bleibt für mich nur der Schluss, dass Killerspiele und ein Faible für Waffen Dinge sind, die mehr oder weniger jeden heranwachsenden Mann in unter-schiedlicher Ausprägung begleiten, ohne dass es in 99,99999% der Fälle zu schaurigen Schlachtfesten kommt.

Nur der ohnehin (vor)programmierte Verbrecher nutzt diese Vehikel für sich, um das, was er meiner Meinung nach sowieso irgendwann – etwa am Arbeitsplatz - tun würde, nun in der Schule auszuleben. 

Damit schließt sich für mich der Kreis.

Diese Täter können nicht davon abgehalten werden, in die Schule zu gelangen, auch ich will nicht, dass die Schulen aussehen wie Carcassonne von der Autobahn aus, es muss aber doch möglich sein, für einen rudimentären Schutz in der Schule zu sorgen, sei es beispielsweise, dass man das Sekretariat mit einem Monitor für Überwachungskameras und einem zentralen Verriegelungs(alarm)knopf für alle Türen versieht, damit der Täter erst gar nicht in die Klassenzimmer gelangt.

Letztlich wird das aber nur dazu führen, dass diese Ungeheuer den Tatort auf den Pausenhof oder die Bushaltestelle verlegen werden.

Wie gesagt – wie haben uns mit Mördern, Vergewaltigern und Räubern abgefunden, wir werden uns auch damit abfinden müssen, dass vielleicht gerade jetzt wieder irgend jemand irgendwo vor „counterstrike“ sitzt, seinen Allmachtsphantasien frönt, die Gesichter seiner digitalen Opfer im Geiste durch die seiner Lehrer und Mitschüler ersetzt und unten schauen die Eltern Günter Jauch, denn der Junge – es sind immer Jungen – spielt ja nur Computer, hilft ansonsten durchaus fleißig bei der Gartenarbeit und liebt Braten mit Spätzle und Soße bei Oma.

Diese Leute wissen gar nicht, dass auch sie zu den Opfern zählen werden, denn sie verlieren durch den offensichtlich immer gleich eingepreisten finalen Suizid selbst ihr Kind, ganz zu schweigen von dem Stigma, Eltern (oder Großeltern bzw. Geschwister) eines Massenmörders zu sein.

Das ist diesen im wahrsten Sinne des Wortes asozialen Tätern aber völlig gleichgültig, so wie sie offensichtlich auch nicht die geringste Angst vor dem verspüren, was sich in ihrem Kopf abspielt und vor allem vor dem, was sie möglicherweise anrichten können und werden. Diese Kreaturen verdienen daher alles, nur nicht unser Mitleid oder Verständnis.

 14.3.2009

Hier geht´s zur Sitemap.