Zurück aus bella italia und nun das.

1. Frau Merkel in dem bekannten FAZ-Interview auf die Frage, ob sie das Buch von Thilo Sarrazin (nun endlich) gelesen habe: „Nein, die Vorabpublikationen sind vollkommen ausreichend und überaus aussagekräftig, um These, Kern und Intention seiner Argumentation zu erfassen. Ich habe die Verantwortung als Bundeskanzlerin, an einer Gesellschaft mitzuarbeiten, in der jeder Mensch durch Bildung eine Chance bekommen kann, für sein eigenes Glück und zum Wohle unseres Landes.“ Achtung Treppenwitz: das ist genau das, was TS vorschwebt.

2. Klaus Wowereit reduziert auf dem aktuellen Parteitag der SPD in Berlin das Integrationsproblem auf die Begriffe "populistische Debatte" und "Stammtischniveau", was den ebenfalls anwesenden Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky anmerken lässt, es beunruhige ihn, wenn "mein Regierender Bürgermeister die Lebenswirklichkeit in Berlin allzu stark ausblendet".

Ich konstatiere, dass sich wesentliche Vertreter der politischen Nomenklatura offensichtlich darauf verständigt haben, nach der gesellschaftlichen Hinrichtung von Thilo Sarrazin nun zur Tagesordnung überzugehen, was zumindest für mich den Rückschluss zuläßt, wie man a) die von Sarrazin initiierten Nervenirritationen ernst zu nehmen gedenkt und b) damit auch zu erkennen gibt, was man als Bürger von dieser "Avantgarde" auch im Zusammenhang mit anderen Problemkreisen zu erwarten hat.

Die Art und Weise, wie man mit der "Sarrazin-Affäre" umgeht ist für mich geeignet, etwas zu tun, was ich vor nicht allzu langer Zeit mit guten Gründen für undenkbar hielt - nicht mehr wählen zu gehen, weil mich derart penetrant zur Schau gestellte Ignoranz und Arroganz anwidert.

Wenn Sarrazin - ungewollt - etwas offengelegt hat, dann die Sicht unserer politischen Führer auf Bevölkerung, Demokratie und Grundrechte. Es ist wirklich zum Kotzen.

Einen höchst lesenswerten Artikel zu Kanzlerin Merkel im Speziellen und der Meinungsfreiheit im Allgemeinen gibt man hier.

 

Ich habe das Buch nun knapp zur Hälfte gelesen und sehe mich in der Lage, ein Zwischenfazit abzugeben.

Primär drängt sich für mich auch der Eindruck auf, dass hier nicht einer schnelle und gute Kasse machen will, dazu steckt ersichtlich viel zu viel Arbeit in der Schwarte.

Inhaltlich bekommt man viel alten Wein in neuen Schläuchen, wobei ein Migrantenproblem oder gar die Intelligenzdebatte bislang etwa 2% des Geschriebenen ausmachen, bisher verstehe ich die Aufregung nicht ansatzweise.

Vielleicht dazu ein Zitat, das einiges über die Sarrazin´sche Denke verrät (S. 32): "...Zwar ist die genetische Ausstattung der Menschen aller Länder und Völker von großer Ähnlichkeit, nachweisbar vorhandene Unterschiede sind jedenfalls wesentlich kleiner als die Unterschiede in den Entwicklungs-ständen von Staaten, Gesellschaften und Volkswirtschaften. Doch es gibt große Unterschiede in der Mentalität der Völker und Gesellschaften. Das betrifft nicht nur traditionelle Bindungen religiöser und anderer Art. Es betrifft auch die normative Innen- und Außenlenkung der Menschen, es betrifft die Loyalitätsstrukturen, die Maßstäbe sozialen Rangs sowie den Antrieb für Fleiß, Eigeninitiative und materielle Orientierung..."

Ich mag im Übrigen, dass sich Sarrazin anders als ihm das oft nachgesagt wird, eben nicht als reiner Zahlenapparatschik entpuppt.

Obwohl das Buch - auch - eine Statistikorgie ist (die man im Zweifel ja auch mal überblättern kann), wird die Empathie Sarrazins deutlich, ich verstehe jetzt, warum Frau Kelek sagte, hier habe sich jemanden einen Kopf über Deutschland gemacht.

Sarrazin ist es ein echtes Anliegen, dass jeder das Beste aus sich selbst herausholt, ein glückliches, sinnhaftes Leben führt und er äußert mehr als einmal Verständnis dafür, wie etwa Arbeitslosigkeit Menschen in die Selbstaufgabe und Hoffnungs-losigkeit führen kann, weshalb es vornehmste Aufgabe des Staates sei, den Menschen optimale Rahmenbedingungen für ihre Selbstverwirklichung zu schaffen.

Sarrazin setzt sich in diesem Zusammenhang mit dem für ihn absolut bestehenden Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe jedes Einzelnen auseinander, wobei ganz generell gesagt werden kann, dass das Verdienst des Buches unter anderem ist, die Sinne für Begriffe, Begrifflichkeiten und Definitionen wieder einmal zu schärfen.

Breiten Raum nimmt auch die Auseinandersetzung mit dem Begriff der "Armut" zumal in westlichen Industrieländern ein und Sarrazin zeigt, wie mit diesem Begriff unmittelbar Einfluss auf das Klima und die Diskurshoheit in einer Gesellschaft genommen werden kann und genommen wird.

Ebenfalls breiten Raum nimmt bisher auch das "Fordern" im Zusammenhang mit der Einbindung gerade langjähriger Hartz-IV-Karrieren ein.

Alles interessant, aber wie gesagt, das hat man anderen Orts so oder ähnlich auch schon gehört oder gelesen, mal sehen, wie es weitergeht, vor allem wenn die schmutzigen Kapitel kommen.

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